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Vergnügliche Küchenmathematik
VON UWE SPILLE

Höchst vergnügliches Kochgespräch. Mario Mosbacher (vorne) kocht mathematisch,
während sein Kollege Hans-Jürgen Martin die Sache eher physikalisch angeht.
Foto: Spille
Wie ist das, wenn zwei Mathelehrer als Hobbyköche verkleidet einen Blumenkohl zubereiten? Diese Übung hatten sich zwei Lehrer vom Fürstenberg-Gymnasium für ihr "Chaotisches Küchengespräch", das im Rahmen des "Jahres der Mathematik" am Gymnasium am Hoptbühl veranstaltet wurde, als Aufmacher vorgenommen. Und rund 80 interessierte Gäste wollten sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen.
Grob betrachtet, ganz im Sinne Newtons, konnte man angesichts der schwülen Luft im Saal, die die Aula gefühlsmäßig in eine chinesische Garküche verwandelt hatte, zuerst einmal eine einfache Kausalkette beobachten. Mario Mosbacher, adrett mit Kochschürze, schmeißt den Blumenkohl ins Wasser. Sein Kollege Hans-Jürgen Martin schaltet die Kochplatte (die man aus dem Physiksaal entliehen hat) an und das Wasser wird heiß, der Kohl, so hofft man, weich. Ein unveränderliches Naturgesetz, Determinismus pur, genau so, wie Naturwissenschaftler das über Jahrhunderte hinweg für alle physikalischen Vorgänge vorausgesetzt hatten.
Was aber geschieht während der folgenden 75 Minuten, nach dem der Kohl aufgesetzt ist? Zeit ist an und für sich schon mal was Relatives, wie Einstein beweisen konnte. 75 Minuten Mathematik am Stück dürften für die meisten Schüler der Horror schlechthin sein. Für sie dehnt sich diese Zeit wie ein Kaugummi. Wie im Fluge allerdings gehen 75 Minuten höchst amüsante mathematisch-physikalisch-philosophische Betrachtungen der beiden Protagonisten des Küchenchaos vorbei.
Von der "einfachen" Iterationsvorschrift (zn + 1 = zn hoch2 + c) hin zur Syrakus-Folge, mit der sich ein unvorhersehbares Zahlenrätsel ergibt, ist der Schritt zum Bakterienwachstum auf einer Spaghettigabel nicht weit und durchaus nachvollziehbar. Und auch ein Bifurkationsdiagramm verliert seinen Schrecken und erschließt sich selbst dem mathematisch unerleuchteten Durchschnittsbürger, wenn man einen einfachen Stängel Dill zur Hand nimmt und ihn unter der Lupe betrachtet. Dann ahnt man zumindest, dass die Liebe zur Mathematik geradezu durch den Magen gehen kann. Denn die Struktur des Dill, der so wohlschmeckend gerade zu Fisch oder Bohnen passt, lässt sich mit Hilfe eines Computerprogramms perfekt berechnen.
Bei so viel Kulinarischem darf natürlich der "Popstar" der Mathematik nicht fehlen: das Äpfelmännchen oder besser ausgedrückt die Mandelbrotmenge. Die zeigt sich auf faszinierende Weise im Videomodell, wo bitte ist das Ende? Und was macht in der Zwischenzeit der Kohl, Herr Mosbacher? Ach, Herr Martin, der hat noch Zeit. Was geschieht wohl mit dem Kohl dort im Topf unter dem Deckel? Diese Frage hat sich doch schon Herr Schrödinger mit seiner Katze gestellt. Weich oder nicht weich, das ist die Frage. Doch anstelle der schnöden Kausalitätskette wendet man sich lieber der Systemfrage, pardon, dem Systemgedanken zu.
Alles hängt zusammen, nichts kann getrennt betrachtet werden, zu viele Komponenten machen das Ganze unübersichtlich, geradezu chaotisch. Und der Kohl, Herr Mosbacher? Ist nach 75 Minuten Cremesuppe geworden. Es lebe der Determinismus. Zumindest auf der köchelnden Ebene kann man sich noch auf die stinknormale
Newtonsche Physik verlassen. Und wer es doch lieber mit Nitzsche hält, dem bleibt ja der Satz: "Der Gesamtcharakter der Welt ist in alle Ewigkeit Chaos". Mahlzeit.
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