Annemarie Binder: 40 Jahre "FG"
Jetzt "Flucht", bevor Enkel der ersten Schüler kommen
Letzte Gymnasial-Oberlehrein sagt Ade
VON
KLAUS DANGEL

Ab jetzt die Beine baumeln
lassen im Aufener Garten. Annemarie Binder, die letzte Oberlehrerin im
Donaueschinger Gymnasialbetrieb, geht nach rekordverdächtigen 40 Dienstjahren am Fürstenberg-Gymnasium in den Ruhestand.
BILD: MICHA BÄCHLE
Ich hab's schon immer gesagt: Wenn die ersten Enkel meiner Schüler kommen, höre ich sofort
auf" Annemarie Binder hält sich dran. Der 2. August wird ihr letzter Schultag sein, die dienstälteste Gymnasiallehrerin Donaueschingens geht in den
Ruhestand. Eine Lehrerin mit Besonderheiten: Mit der Grund- und Hauptschul-
Qualifikation ging sie damals in den Gymnasialdienst und setzte sich hier 40 Jahre lang durch. Und gäbe es Schüler-Hitlisten der beliebten Lehrer in der Stadt, so stünde ihr Name sicher im
Vorderfeld.
Sie sah "FG-Urgestein" wie Rüdiger Schell, Hans-Hermann Gehring, Hans Kech als Referendare kommen - und unlängst als Pensionäre gehen. Eine Galerie recht unterschiedlicher Chefs hat sie
erlebt, "im übrigen Reformen, Reformen, Reformen." Total verändert habe sich die Schule seit jenem Dezember 1966, als die Junglehrerin in Donaueschingen anfing. Hinter sich hatte sie die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule, das 1. Staatsexamen, ein halbes Jahr USA-Aufenthalt ("weil ich mich nicht in den Hotzenwald schicken lassen
wollte"), eine Krankheitsvertretung in Hüfingens Schule zum Berufs-Start. Ein kurzes Gastspiel sollte das eigentlich
sein:
"lch wollte in eine größere Stadt, dachte, in Donaueschingen bleibe ich so ein Jahr. Aber dann hab' ich das Städtchen lieb gewonnen."
Daraus wurden vier Jahrzehnte "FG", mit Familie und Häuschen in Aufen und einem kürzlich pensionierter Ehemann, der an der selben Schule lehrte. Facettenreiche Jahre waren es von Anfang an, erinnert sich Annemarie Binder. "Die wenigen Kollegen in meiner Rolle waren damals heiß begeht, weil sie für alles einsetzbar waren." Für sie selbst hieß das zunächst: 30 Wochenstunden Deputat, verteilt auf
Gymnasium, Sonderschule und Hauptschule. An drei Schulen der Stadt gleichzeitig gehörte sie dem Kollegium an. "Ich war schon ein Exot in der Schule", schmunzelt sie.
Ein wohl gelittener Exot freilich, mit Unterrichtsschwerpunkt Hauswirtschaft und Sport. Die Schüler mochten sie, "was ein
bissel natürlich an den Fächern liegt. Aber ich hab's geliebt und Glück gehabt. Und ich denke schon mit etwas Wehmut daran, dass jetzt Schluss ist."
Jetzt sind Familie, Enkel, Hobbys dran. Auf größeren Wandertouren wird man die Annemarie Binder treffen können und leidenschaftlich gern auf Reisen.
Apropos: Der Reisepass in der Hand wird sie wieder öfters an eine verborgenes Geheimnis erinnern, von der fast niemand ahnt.
Frau Gymnasial-Oberlehrerin i.R. ist in Wahrheit gar nicht die Annemarie, als die sie jeder kennt. In Wirklichkeit heißt sie Anna-Maria, aber die richtige Schreibweise ging irgendwann verloren, und heute weiß davon nur noch der Reisepass.
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