Kinder wollen Sport, und sie brauchen
ihn dringend. Die allermeisten Kinder
bewegen sich gern, und sie spüren auch, dass Bewegung ihnen gut tut. Es ist die
Aufgabe der Erwachsenen, ihnen dabei zu helfen, sie also jeden Tag neu in
Bewegung zu bringen. Die Eltern müssen sich dabei am meisten anstrengen. Die
Sportvereine können sie dabei unterstützen. Eine Schlüsselrolle kommt aber
den Kindergärten und dann vor allem
den Schulen zu. Nur die Fachleute dort
können wirklich alle jungen Menschen
erreichen und motivieren, ihr Leben
lang Sport zu treiben. Diese Fachleute
sind das Scharnier einer Gesellschaft,
die aufs Ganze gesehen immer träger und unbeweglicher wird.
Viele haben das erkannt. Sportärzte und Sportforscher warnen
seit Jahrzehnten davor, dass immer mehr Kinder und jugendliche
bedenklich zu dick sind, dass jeder Sechste sogar
schon eine Therapie bräuchte in
Deutschland. Wissenschaftler warnen
vor den Gesundheitsschäden, die automatisch entstehen, wenn schon der
junge Mensch seinen Bewegungsapparat vernachlässigt, lieber vor dem
Fernseher sitzt und vor dem Computer und sich dazu noch falsch ernährt.
Stubenhocker und Träge sind die Kranken von morgen. Das alles wissen wir, aber wir
tun zu wenig um gegenzusteuern, und das hat Gründe. Erstens nehmen wir das
Problem nicht ernst genug. Es gibt im
Sport und in der Berichterstattung darüber eine Verschiebung vom Wichtigen
zum Unwichtigen hin. Fernsehen und Zeitungen erzählen jeden Tag das
Neueste über Michael Schumacher und Oliver Kahn. Aber wann wäre jemals mit
vergleichbarer medialer Wucht darüber berichtet worden, warum der selbst
getriebene Sport für den kleinen Tim, für die junge Heike so unglaublich wertvoll
ist?
Zweitens gibt es, und das ist traurig,
ein soziales Problem im Sport. Gerade
Kinder aus sozial schwachen Schichten
kämpfen häufig mit Übergewicht, gera-
de sie werden von ihren Eltern viel zu
selten aufgefordert und angeleitet, sich zu bewegen und etwa einem Verein
beizutreten. |
Dieses Problem, und hier wird
es zum Skandal, überträgt sich auf die Schulen: Ausgerechnet an den Grund-
und Hauptschulen ist der Sportunter-
richt besonders schlecht, fällt er viel zu oft aus, wird er häufig von Lehrern
unterrichtet, die dazu gar nicht ausgebildet sind. An den Realschulen und
Gymnasien ist es um den Sportunterricht besser bestellt, aber nicht viel
besser. Bundesweit fällt jede vierte Stunde aus, ergab eine Studie, die der
Deutsche Sport-Bund erstellen ließ.
Viele Lehrer sind zu alt, der Unterricht
ist nicht mehr zeitgemäß,
Bildungspolitiker haben den Schulsport schändlich vernachlässigt - das sind die
Erkenntnisse der so genannten Sprint-Studie.
Überraschend
kommen sie nicht, und es überrascht
auch nicht, dass die Bildungspolitiker reflexartig darauf
reagieren und sich verteidigen. In Baden-Württemberg sehe es doch
ganz gut aus, erklärte
Helmut Rau, der Stuttgarter Staatssekretär für Bildung. Die
Einführung der bewegten
Grundschule mit täglichen Sport-Einheiten sei sogar bundesweit vorbildlich. Das
stimmt. Es stimmt aber auch, dass in Baden-Württemberg viel zu viele
Stunden ausfallen, also nur auf dem Papier stattfinden. Auch hier sind viele
Lehrer weit über 50. Drittens ist also zu bemerken, dass die Politik den
Schulsport bis heute eher als lästiges Übel ansieht denn als wertvollen Schatz. Es
kommt ja noch etwas Wichtiges hinzu:
Kinder, die sich viel bewegen, lernen
auch in anderen Fächern besser. Sie
sind entspannter und konzentrierter.
Ist das so wenig wert?
Zwei von drei Kindern haben im
Rahmen der Studie erklärt, Sport an
der Schule sei ihnen wichtig. Ist das
nicht ein wunderbarer Auftrag an die
Schulen? 80 Prozent der befragten
Eltern hoben die Bedeutung des Sportunterrichts für die Gesundheit und die
Konzentration hervor. Ist das nicht geradezu ein Volksentscheid, den
Unterricht zu verbessern? Sport in der Schule wird geschätzt und doch vernachlässigt. Für die Folgen stehen wir alle
gerade, am meisten aber die Jüngsten, und die können wirklich nichts dafür,
dass wir es heute nicht schaffen, sie zu mehr Bewegung zu erziehen.
|