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SCHWARZWALD-BAAR-KREIS

Blutbad erschüttert Schüler und Lehrer

Hochsicherheitstrakt für Schulen keine Lösung

1100 Schüler und ihre Lehrer gedachten gedachten in Donaueschingen der 17 Todesopfer in Erfurt

Schwarzwald-Baar-Kreis (iia/fs/dvs/sb).

Kein Montag wie jeder andere: Erschütterung und Fassungslosigkeit auch in den Klassenzimmern im Schwarzwald-Baarkreis. So schockiert die Direktoren und Rektoren über die Ereignisse in Erfurt auch gewesen sein mögen, zu einem Hochsicherheitstrakt möchten sie ihre Schulen nicht machen.

Rektor Rudolf Strasser vom Fürstenberg Gymnasium in Donaueschingen rief die gesamte Schulgemeinschaft auf 10 Uhr in die Aula zusammen, um dort der zahlreichen Opfer der unbegreiflichen Tat zu gedenken sowie die Ängste und Besorgnisse der jungen Menschen aufzufangen. Die starke persönliche Betroffenheit des Schulleiters war bereits aus seinen Eingangsworten herauszuhören: »Noch nie bin ich so schweren Herzens und so hilflos zur Schule gegangen wie heute! « Strasser machte deutlich, dass die in diesem Verbrechen sichtbare Gewalttätigkeit und Rücksichtslosigkeit das bisher vorstellbare Ausmaß an Bluttaten in Schulen bei weitem überschreitet. Er sagte auch, wie hilflos die Lehrer mit ihren Erklärungen sind, warum sich ein junger Mensch »in verbrecherischen Allmachtsphantasien zum schrecklichen Rächer, Richter und Vollstrecker aufgeschwungen hat«.

Dass Konflikte in den zentralen Lebensbereichen Schule und Familie nie ausbleiben werden und dass alle Beteiligten - Schüler, Lehrer, Eltern - dem alltäglichen Druck ausgesetzt sind, sagte der Schulleiter weiter. Er betonte mit Nachdruck, dass Gewalt kein geeignetes Mittel zur Konfliktlösung darstellen kann. »Nur eine stete Gesprächs- und Verständigungsbereitschaft, menschlicher Respekt und gegenseitige Achtung zwischen Schülerinnen und Schülern, zwischen Schülern und Lehrern und zwischen allen am Schulleben Beteiligten kann der Ansatz sein, Gewalt und deren Eskalation zu verhindern«, so Strasser. Er rief abschließend dazu auf, dass sich alle um ein menschliches Miteinander in der Schulgemeinschaft bemühen.

Es war ergreifend, wie die annähernd 1100 Schüler in atemloser Stille verharrten, als 17 Kerzen für die 
17 Toten von Erfurt entzündet wurden und zum stillen Gedenken für die Opfer aufgerufen wurde. In Fragen gekleidete Fürbitten, vorgetragen von einem Kollegen aus dem Kreis der Religionslehrer, mündeten in das gemeinsam gebetete Vater unser - ein würdevoller Ausdruck des menschlichen Mitgefühls.

Sprachlosigkeit, Entsetzen und immer wieder die Frage nach den Hintergründen, zeichnete Erwin Rzehak, stellvertretender Direktor des Villinger RomäusringGymnasiums, ein Stimmungsbild des gestrigen Schultages. 

Wie am Romäusring war das Blutbad in Erfurt auch in anderen Schulen Thema im Unterricht. Immer wieder, so erinnerte sich Bernhard Schoch, stellvertretender Leiter des Gymnasiums am Deutenberg in Schwenningen, hörte er die Frage: Wie konnte es zu solch einem Blutbad kommen? Die Mathematik stand weniger im Vordergrund als vielmehr manches mit Gewaltszenen gespicktes Computerspiel: »Da werden fatale Ansätze zur Konfliktlösung gegeben«, so Schoch. Mit dieser Meinung steht er im Kollegenkreis nicht alleine da. Auch Hermann Hoffmann, Vorsitzender des Gesamtelternbeirates in Villingen-Schwenningen, warnt, dass Kinder und Jugendliche vollkommen den Sinn für die Realität verlieren: »Da wird einer über den Haufen geschossen und steht Sekunden später wieder auf.«

Metalldetektoren, abgeschlossene Schulhäuser, eine Verschärfung des Waffengesetzes: Schon kurze Zeit nach den Morden in Thüringen wurden erste Vorschläge gemacht, um die Sicherheit an Schulen zu erhöhen. Doch die meisten (stellvertretenden) Schulleiter tun sich schwer damit, Sicherheitsvorkehrungen einzuführen, wie sie in den USA oder in Frankreich zum Alltag gehören. »Wir wollen aus unseren Schulen doch keine Hochsicherheitstrakte machen«, kommentieren Bernhard Schoch und Erwin Rzehak solche Vorstöße. Gesamtelternbeiratsvorsitzender Hoffmann bezweifelt darüber hinaus den Sinn solcher Vorkehrungen: »Wer so etwas vor hat, lässt sich durch nichts abhalten.« Aus psychologischer Sicht wäre das bestimmt keine Lösung, urteilte Udo Bangert, stellvertretender Direktor des Hoptbühl-Gymnasiums.

»Wir haben Verantwortung für unsere Schüler, für unsere Kollegen. Dieser Gedanke ging Rolf-Jürgen Look nicht mehr aus dem Kopf. Der geschäftsführende Rektor der Sonder-, Grund, Haupt- und Realschulen und Leiter der Südstadtschule machte die Sicherheit gleich zum Thema der gestrigen Dienstbesprechung. Doch dass das Problem vor allem ein gesellschaftliches sei und sich nicht mit stärkeren Sicherheitsvorkehrungen lösen lasse, das sehen alle befragten Pädagogen. »Viele Eltern haben sich aus der Erziehung verabschiedet«, spricht Look manchem Kollegen aus dem Herzen. Hermann Hoffmann sieht die Sache ähnlich: »Viele Eltern nehmen sich kaum noch Zeit für ihre Kinder und wissen nicht mehr, was passiert.« Wohl wissend um solche Entwicklungen will nun mancher Schulleiter versuchen, stärker als bisher das Gespräch und die Zusammenarbeit mit den Eltern zu suchen. Trotz Stress und immer größer werdenden Klassen ruft Bernhard Schoch zudem zu mehr Sensibilität auf: »Man sollte sich vielleicht öfters hinter fragen, was geht in diesem oder jenem Schüler vor.«

Dokumentation aus dem Schwarzwälder Boten / Lokalredaktion Donaueschingen  
 Datum: 30-4-02 

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