Sie singt mit Leidenschaft, ist sportlich, hat ein Faible für Sprachen und sie schaut sich gern in der Welt um. Zum Beispiel in den Vereinigten Staaten von Amerika. Von dort ist Carolin Ruthig gerade zurück gekommen, heim nach Hüfingen in die alte Stadtmühle am Mühlekanal. Das ist ihr Elternhaus. Ein Jahr war die 17-Jährige fort, hat die elfte Klasse statt am Donaueschinger Fürstenberg-Gymnasium an der Cartharge Central High School im gleichnamigen Städtchen im US-Bundesstaat
New York absolviert.
Beworben hatte sich Carolin schon im Herbst 2000 bei einem Veranstalter von Jugend-Bildungsreisen. Nach der Eignungsprüfung in Stuttgart war sie in der engeren Wahl. Danach musste die Organisation eine Gastfamilie in den USA finden. Es war keineswegs so, dass Carolin sich eine Familie aussuchen konnte. Im Gegenteil, die Familie suchte sich ihre Schülerin aus. Carolin fertigte eine Collage an, mit Bildern von sich, ihrer Familie und ihrem Umfeld und sie beschrieb sich in einem Aufsatz. Das waren ihre Bewerbungsunterlagen.
Im Februar 2001 hatte sie die Zusage. Die Familie Whiskeyman in Black River, nahe einem Posten der US-Army 30 Autominuten von Cartharge entfernt, wollte Carolin aufnehmen. im August flog sie nach Amerika. In ihrer Gastfamilie blieb sie die erste Hälfte ihres Amerika-Aufenthaltes. Wohl gab es in dem Armeeposten alles für
ein schönes Leben, eine komplette Freizeitinfrastruktur mit Wellenbad, Fitnessbereich und vielem mehr. "Alles kostenlos", sagt Carolin und zeigt ihren Armee-Ausweis. Aber sie kam nie von Black River fort. Weder mit dem Fahrrad, noch mit dem öffentlichen Nahverkehr. "Das ist in Amerika fast unbekannt', erzählt die Hüfingerin. Ihre Mutter, so nennt sie auch die Gastmutter, war eine Business-Frau, immer unterwegs, hatte selten Zeit für sie. Der Vater war für die
US-Army im Ausland.
Obwohl sie von der Gastfamilie begeistert war, suchte sie sich eine neue in der Stadt. "Super" schwärmt sie von der Familie Lien. Auch
deswegen, weil sie mit Erim nun auch eine gleichaltrige Gastschwester hatte. Im Nachhinein teilt sie ihren
Amerika-Aufenthalt in zwei Hälften. Die erste in der Familie Whiskeyman in Black River war das Familienprogramm, die zweite Hälfte war den Freundschaften, dem Umgang mit jugendlichen ihrer Altersklasse gewidmet.
Auch wenn die Schule in Amerika sich deutlich von der in Deutschland unterscheidet, hatte Carolin keine Probleme. Sie wählte ihre Fächer und belegte die entsprechenden Unterrichtsblöcke, zum Beispiel Biologie. Und lernte in einem Jahr, was man in
Deutschland" in einem ganzen Schulleben lernt", berichtet sie.
"Klassen wie hier gibt es
nicht, erzählt sie. Sie hatte ständig neue Mitschüler, schloss ihre Freundschaften deshalb auch kaum in der Schule.
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Sie weiß nun, dass es in den
wirklichen amerikanischen Familien ganz anders zugeht als in den
Fernsehfamilien.
Carolin nach einem Jahr
Ähnlich wie hier Arbeitsgemeinschaften, die AGs, gibt es in Amerika ,,extra curricular
activities". Zum Beispiel für Musicals. Als Carolin mitmachte, übten die Schülerinnen und Schüler "Cinderella" ein und führten es auch auf Carolin sang zudem in zwei Kirchenchören. Die junge Deutsche, einzige Austauschschülerin an der Schule mit etwa 1000 Schülern, entdeckte ihren Berufswunsch. Sie will Gesang studieren, nicht klassischen, sondern
für Musicals.
Unter ihrem freiwilligen Engagement für "Cinderella" und die Kirchenchöre litt der reguläre Unterricht nicht. In jedem Schulvierteljahr schaffte die
17-Jährige locker über 90 Prozent und war damit
immer "high honor toll". Dafür bekam sie ein in Leder gebundenes Zertifikat, die
"graduation". Die rote Robe und den Hut, von den Schülerinnen zum Ende des Schuljahres getragen - die Jungen sind weiß gekleidet -, durfte Carolin mit nach Hause nehmen. Auch den
"Award" als Auszeichnung für sie als Austauschschülerin und das dazugehörige amerikanische Sternenbanner, das zuvor auf dem Capitol geweht haben soll, erinnern die Hüfingerin an ihr amerikanisches
Schuljahr. Geblieben ist ihr zudem die Bewunderung für das
"easy going", die Art der Menschen im Westen der Staaten, alles ein wenig leichter zu nehmen. Weniger beeindruckt war sie hingegen von der zuweilen erlebten Oberflächlichkeit mancher Amerikaner. Und sie weiß nun, dass es in den wirklichen amerikanischen Familien ganz anders zugeht als in den Fernsehfamilien.
Vor Amerika wollte die Gymnasiastin eigentlich schon am Austauschprogramm mit Donaueschingens Partnerstadt Kaminoyama teilnehmen. Im Selbststudium hatte sie dafür
bereits japanisch gelernt und sie korrespondiert auch mit einer Brieffreundin in Japan. Aber dann wurde daraus nichts. Bei ihrer ersten Bewerbung war sie zu jung, sie war noch keine 16 Jahre alt, sagt Mutter Karla
Dalibor-Ruthig. Beim zweiten Mal wurde Carolin abgelehnt, weil sie in Hüfingen und nicht in Donaueschingen
lebt, aber nur noch jugendliche mit Wohnsitz in der Kernstadt
am 'Austausch teilnehmen dürfen.
Unterdessen plant Carolin statt der zwei Wochen Japan über das Austauschprogramm der Stadt sechs Wochen über den American Field Service. Das Geld dafür will sie sich selbst verdienen. Denn sie will unabhängig sein. Was das bedeutet, hat sie in Amerika gelernt und mit in ihr Lebensziel aufgenommen.
HARTMUT DULLING
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