Donaueschingen
- Rund 15 Prozent aller Donaueschinger Schüler
besuchen die falsche Schule. Wieso ist das so, wer trägt
dafür die Verantwortung, und was kann dagegen
unternommen werden? Diese Fragen konnten gestern Abend
im Foyer der Donauhalle auch von einem hochkarätig
besetzten Podium nicht abschließend beantwortet
werden. Doch aufgrund provokativer Stellungnahmen und
Fragen aus der Zuhörerschaft entwickelte sich eine
kontroverse Diskussion, in der deutliche Worte an alle
gerichtet wurden, die die Thematik betrifft: Lehrer,
Eltern und Politiker. Bildungspolitische Themen
ziehen: Rund 400 Gäste fanden gestern den Weg in die
Donauhalle, um zweieinhalb Stunden mit den
kulturpolitischen Sprechern der vier
Landtagsfraktionen über die richtige Schulwahl zu
diskutieren. Darunter die komplette Riege der
Donaueschinger Schulleiter, viele Lehrer, noch mehr
Eltern und eine Handvoll Schüler.
Für Renate Rastätter (Bündnis 90/die Grünen) liegt
die zentrale Ursache für eine nicht passende Schule
im frühen Zeitpunkt der Wahl. Nicht nach der vierten
Klasse, sondern erst ab den Klassen sechs bis acht
seien Schüler so reif und stabil, dass die
Entscheidung für oder gegen eine weiterführende
Schule fallen sollte. Die Grüne empfiehlt in diesem
Zusammenhang einen Blick über den baden-württembergischen
Tellerrand hinweg. Alle anderen Länder Europas seien
viel weiter und sogar in Rheinlad-Pfalz gäbe es ein
Modell, bei dem die Trennung von Hauptschule und
Realschule erst in den letzten Schuljahren vorgenommen
wird.
Erst Pfister von den Freien Demokraten will die Lehrer
mehr in die Pflicht genommen wissen. Sie sollten den
Mut aufbringen, "zu korrigieren". Sie sprächen
nämlich die Empfehlungen für die Schulwahl aus und
sollten deshalb auch vor vermeintlich unpopulären
Aussagen nicht zurückschrecken. CDU-Mann Georg Wacker
verteidigte das bestehende System der Schulauswahl. Er
sprach von einem "vernünftigen Mix", der
die Interessen der Schulen und der Eltern berücksichtige.
"Das ist doch viel besser als Aufnahmeprüfungen",
so der Christdemokrat. Gleichwohl attestierte er wie
alle anderen Bildungsexperten der Hauptschule einen
"Imageverlust". Für ihn war es ähnlich wie
für Pfister ganz wichtig auf die Durchlässigkeit des
deutschen Bildungssystems hinzuweisen. |
Auch
ein Handwerker mit Hauptschulabschluss hätte die
Chance, ein Studium an einer Fachhochschule
aufzunehmen. Die Hauptschule, so deren Kernsatz, ist
keine Einbahnstraße.
Norbert Zeller (SPD)
überraschte mit einer gewagten These, wohl wissend,
das diese recht pauschal ist. So seien möglicherweise
die Unterrichtsformen in den weiterführenden Schulen
dafür verantwortlich, dass manche Schüler versagen.
In der Grundschule werde seit Jahren verstärkt team-
und projektorientiert unterrichtet, an Realschulen und
Gymnasien sei das viel seltener der Fall. Lehrer
sollten auch hier "individuell" unterrichten
und sich nicht lediglich am Durchschnitt orientieren.
Das gebe Frust bei denen, die schnell begreifen und
auch bei denen, die halt etwas mehr Zeit benötigen.
Doch wie soll bei mehr als 30 Schülern pro Klasse auf
den Einzelnen eingegangen werden? Wir brauchen mehr
Lehrer und kleinere Klassen, waren zwei der von den
anwesenden Eltern und Lehrern immer wieder gestellten
Forderungen an die Politiker. Und zudem gehörten
Grundschullehrer auch besser bezahlt. Darauf nickten
diejenigen zustimmend, die in Stuttgart nicht in der
Verantwortung für die Gesamtfinanzen des Landes
stehen. CDU-Mann Wacker verwies hingegen auf die zusätzlichen
5500 Lehrer, die das Land in den nächsten Jahren
einstellen will.
Prügel setzte es im Foyer der Donauhalle für übertrieben
ehrgeizige Eltern, die ihre Kinder in die Realschule
oder aufs Gymnasium schicken, obwohl diese dafür
nicht die Voraussetzungen mitbringen.
Realschuldirektor Rolf Laschinger berichtete von
Schulempfehlungen, die Eltern einfach nicht annähmen.
Das sei die Regel, nicht die Ausnahme. Im guten
Glauben, das beste für ihren Nachwuchs zu tun, würde
bei überforderten Schülern stattdessen eine wenig
persönlichkeitsfördernde Frustrationsspirale ausgelöst.
Kreishandwerksmeister Huchler bemängelte, dass sich
das Bildungsniveau der Hauptschüler in den
vergangenen zehn Jahren deutlich verschlechtert habe.
Zu dieser Feststellung passt der Satz eines Lehrers,
der den Kreis zu den Eltern wieder schließt:
"Wir sind immer mehr mit Erziehungsarbeit beschäftigt
und immer weniger mit Bildungsarbeit."
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