Erinnerungen an Donaueschingens größte Tragödie
Der wohl "schwärzeste"
Tag in der Donaueschinger Nachkriegsgeschichte jährt sich
heuer am 26. September zum 20. Mal. Mit dem bislang blutigsten
Terrorakt in Friedenszeiten auf deutschem Boden war am 26.
September 1980 der Name Donaueschingen verknüpft, weil der
21-jährige Geologiestudent Gundolf Köhler, der am Eingang
zur Münchener Theresienwiese mit einer Rohrbombe 13 Menschen
und auch sich selbst tötete und über zweihundert
Oktoberfestbesucher schrecklich verletzte, Donaueschinger war.
Auf der Baar und
auch in München sind die Wunden dieses dramatischen
Ereignisses längst vernarbt. Den Tatort etikettiert noch eine
unscheinbare Gedenktafel. Das Elternhaus des Terroristen an
der Bodelschwinghstraße, in dem der 21-Jährige die Bombe
gebastelt haben soll, ist dagegen zur beliebigen Adresse
verwaschen, seit Köhlers Eltern verstorben sind und seine
drei fortgezogenen Brüder das Familiendomizil verkauft haben.
Doch demnächst
werden mehrere Hörfunksender die Erinnerung an dieses Drama
und damit auch den Querverweis auf die Stadt Donaueschingen
wieder restaurieren. In einer Reihe mit dem Titel "Ungelöst.
Die großen Kriminalfälle der Bundesrepublik" knipsen
der Hessische und der Bayerische Rundfunk und wohl auch der Südwestrundfunk
das Licht öffentlicher Erinnerung noch einmal an über den
Barschel-Tod, die Morde an dem hessischen Wirtschaftsminister
Kary und dem Treuhand-Chef Rowedder und dann eben zum Münchener
Oktoberfest-Anschlag. Eine ganze Stunde lang entrümpeln die
Sendungen diese lange zurückliegenden Ereignisse und forschen
dabei auch nach neuen Bewertungsperspektiven, die sich womöglich
erst aus der großen zeitlichen Distanz erschließen lassen.
Autor des
Beitrages über das Oktoberfest-Attentat ist der 48-jährige Hörfunkjournalist
und Buchautor Ulrich Chaussy aus München, dessen Name und
publizistisches Renommee mit diesem Drama versponnen ist. Fünf
Jahre nach dem Terroranschlag legte Chaussy ein im
Luchterhand-Verlag erschienenes und inzwischen längst
vergriffenes Buch vor, in dem er mit der "Wolle" der
ihm 1983 zugespielten Ermittlungsberichte des
Oktoberfest-Attentats aus dem BKA und von der
Generalstaatsanwaltschaft einen massiven Vorwurf strickt: Die
scheinbar so akribischen Ermittlungen der Behörden seien ein
fragwürdiges Konstrukt, zielstrebig (inmitten des damaligen
Wahlkampfes zwischen Kanzler Schmidt und Herausforderer Strauß)
darauf ausgerichtet, die These vom neonazistischen Hintergrund
des Anschlages auszubügeln und den jungen Attentäter aus
Donaueschingen zum Spinner, Sonderling und einzeln agierenden
Menschenhasser zu deklarieren.
Das Buch wird von
Kritikern zum brillanten Werk geadelt, Chaussy erhielt dafür
sogar den Internationalen Publizistikpreis des ORF, aber ein
stumpfes Instrument blieb es in seinen politischen Wirkungen.
Die Korrektur-Retuschen am Bild dieser Tat, am Persönlichkeitsprofil
des jungen Donaueschingers und an der "politischen
Kulisse" eines rechtsradikalen Hintergrunds, in dem
Gundolf Köhler wohl nur als Werkzeug agierte und somit mehr
Opfer als Täter war, jene Intentionen konnte Ulrich Chaussy
nicht ins Ziel führen.
Und deshalb hat
der Münchner Journalist jetzt bei den Vorarbeiten zu dem Hörfunkbeitrag
- wir werden den Sendetermin noch melden - noch einmal mit
seinen unbeantworteten Fragen angesetzt, rief frühere
"Kontakte" an, fahndete nach Köhlers Schulfreunden.
Aber auch aus der entkrampften Distanz zweier Jahrzehnte
bleibt es ein Rätsel, wer oder was den so unscheinbaren 21-jährigen
Geologiestudenten aus Donaueschingen damals nach München
gelockt hatte und zum Täter einer beispiellos blutigen Tragödie
werden ließ.
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