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Gymnasiasten ohne Interesse

Ausbildung bei Living Systems ist breit gespannt


Im Gespräch mit dem Living-Systems-Führungsduo Christian Dannegger und Kurt Kammerer 


Donaueschingen.(asti) Die Donaueschinger Software-Schmiede Living Systems erlebt derzeit ein rasantes Wachstum. 80 Mitarbeiter waren es zum Ende des vergangenen Jahres, Ende 2000 werden es voraussichtlich 200 sein. Gefragt sind internationale Sofwarespezialisten, weshalb das Führungsduo Kurt Kammerer und Christian Dannegger die Diskussionen um die Green Card mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen. Schwarzwälder Bote-Redakteur Achim Stiller sprach mit beiden über das Thema.

 Beim Thema ausländische Softwarespezialisten kommt natürlich die Frage auf, was Living Systems selber für die Ausbildung des Branchennachwuchses tut.

"Zum einen machen wir sehr viele Diplomarbeiten, um die Leute gleich danach bei uns zu haben. Wir stellen Praxissemesterplätze zur Verfügung. Dann bilden wir für die Berufsakademie aus, fünf oder sechs Stellen. Wir würden auch mehr nehmen. Wir bilden auch Fachinformatiker aus", meint Christian Dannegger, im Unternehmen für die technische Seite verantwortlich.

Im Gespräch ist das Softwarehaus auch mit dem Gymnasium gleich nebenan. Die Jugend für den Bereich zu begeistern ist aber offenbar ein Problem. "Es hat mich total überrascht, das der Zulauf eher gering ist". Das Thema müsse man dort wohl erst noch richtig verkaufen, meint Dannegger und fügt an, dass aber auch die Lehrpläne im Fach Informatik überhaupt nicht aktuell seien. Quereinsteiger aus anderen wissenschaftlichen Bereichen wie Chemie oder Physik erhalten bei Living Systems ebenfalls eine Chance.

"Wir bilden nicht so aus, wie man es kennt, vier Wochen im Klassenzimmer und dann weiß man Bescheid. Es gibt eine Ausbildung, die komprimiert stattfindet, wenn man hier startet. Und dann gibt es Ausbildung permanenter Natur. Wir haben eine Lernatmosphäre und lernen von Projekt zu Projekt hinzu", rundet Kurt Kammerer das Thema ab..


Wir brauchen eine aktive Einwanderungspolitik

Braucht die deutsche Wirtschaft ausländische Softwarespezialisten?

Christian Dannegger: Ja, auf jeden Fall. Es fehlen hierzulande so viele. Wie man hört, sollen es bis zu 75 000 sein. Beim Arbeitsamt sind zwar auch ein paar gemeldet, die sich auch auf Informatikstellen bewerben, doch sind das alles Leute, die nicht unbedingt dafür ausgebildet sind. Momentan hat die Wirtschaft und Politik die große Chance, das Geschäft nach Deutschland zu bringen und auch zu halten. Das kann man aber nur, wenn man genügend Spezialisten herbekommt. Kurt Kammerer: Die deutsche Wirtschaft tut gut daran ausländische Spezialisten in egal welchem Fach zu suchen und in Deutschland anzustellen, wie deutsche Arbeitnehmer auch. Das Problem ist, dass das Ganze verengt ist auf die prekäre Asyldiskussion, und Deutschland ist ja nicht couragiert genug, eine aktive Einwanderungspolitik zu betreiben. Statt dessen betreibt man eine defensive und versucht, jede Latte am Zaun zuzunageln, egal ob es jemand ist, der was taugt, oder der nichts kann oder "nur" ein Asylantragsteller ist. Das wird hier alles platt gemacht durch dumpfe Kinder-statt-Inder-Sprüche.

Sollte die Green Card nur eine Übergangsregelung sein oder wäre es besser, den deutschen Markt generell für ausländische Spezialisten zu öffnen?

Kammerer: Wir brauchen kein Lotteriesystem, sondern eine aktive Einwanderungspolitik. Deutschland muss sich Selbstvertrauen genug angeeignet haben, um, wie andere Länder das ganz selbstverständlich machen, sich Leute hier vorstellen zu lassen mit ihrer Vita. Und dann werden sie eben akzeptiert oder nicht. Das machen die Kanadier, die Amerikaner... Wenn sie akzeptiert werden, dann hat man hoch qualifizierte, hochengagierte Leute im Land, das ja seine Probleme nicht zuletzt deshalb hat, weil es sich einigelt oder glaubt, die Welt würde ohne Deutschland stattfinden. Der Nachteil der passiven Einwanderungspolitik ist, dass man keine Steuerungsmöglichkeiten hat. Davon ausgenommen sind natürlich die Notfälle, bei denen es ja bei Kriegen oder sonstigen größeren Unfällen in der Weltgeschichte geht. Dannegger: Man sollte den Markt grundsätzlich aufmachen. Wenn jetzt ausländische Mitarbeiter kämen, dann würden die soviel Geschäft hier halten, dass man diejenigen, die jetzt hier ausgebildet werden, auch hier beschäftigen kann. Sonst muss mann wieder nach draußen schauen oder die Firmen gehen ins Ausland. Zum Zweiten muss man die ausländischen Kräfte hier hinein lassen, weil das die Spitzenkräfte weltweit sind und die ansonsten in die USA gehen. Außerdem fördert es das multikulturelle Denken. Hierzulande wird ohnehin permanent die Fähigkeit und Intelligenz anderer Völker unterschätzt.

Wie hoch ist den der Anteil ausländischer Fachkräfte bei Living Systems?

Dannegger: Wir haben jetzt 15 Nationen im Haus. Am Montag Morgen habe ich den ersten Inder vom Flughafen abgeholt. Dessen Arbeitserlaubnis haben wir zum Glück noch im vergangenen Jahr beantragt. Also, ich würde mal sagen, der Anteil beträgt rund 20 Prozent. Kammerer: Heute ist ohnehin ein guter Tag, wir haben alleine zehn neue Mitarbeiter bekommen.

Welche direkte Erleichterung würde eine solche Green Card einen Unternehmen wie Living Systems bringen?

Dannegger: Wir könnten unser Wachstum weiter fortführen, das wir durch die Projekte einfach haben. Derzeit können wir nicht alle Projekte annehmen. Wir müssen welche ablehnen, weil uns einfach die Leute dafür fehlen. Kammerer: Vielleicht zum Vergleich, wie es denn heute geht. Wir haben ein deutsches Antragswesen, das uns, ganz im Gegenteil zu den offiziellen Behauptungen, zunehmend belastet. Wir können kurzfristig gar nichts machen. Wir haben beispielsweise ausländische Mitarbeiter, die seit Monaten darauf warten, dass sie von uns Nachricht bekommen. Bei den Anträgen gibt es die verschiedenste Stellen, es gibt die Ausländerbehörde, es gibt die IHK, es gibt das Regierungspräsidium, alle müssen ihren Stempel drauf tun und jeder sagt, wieviel Arbeit er doch hat und dass er auf den Input des einen wartet und er vom anderen auch noch nichts da ist. In Summe kommt nie ein Procedere unter mehreren Monaten raus, wobei es nur um ein paar wenige Stempel geht. Letztendlich haben wir mit dem Grundproblem zu kämpfen, dass die Deutschen sich mit Händen und Füßen gegen Einwanderung von Fachkräften wehren.

Die Einstellungshemmnisse sind also noch so gravierend?

Dannegger: Die sind so groß, dass die Leute einfach nicht kommen dürfen. Gerade jetzt wieder wurden zwei Leute für uns abgelehnt und bei den weiteren, die wir jetzt einstellen könnten, mit den wir schon Gespräche geführt haben, sind die Chancen gleich Null. Das ist extrem traurig. Nach einer groben Schätzung, die ich gehört habe, erzeugen zwei Informatiker einen nicht informationtechnischen Arbeitsplatz. Wenn die Leute hier leben, geben sie das Geld auch hier wieder aus. Die Sorgen für Arbeitsplätze, vom Bäcker bis zur Fahrschule und brauchen auch Kleider und so weiter.

Was halten sie von politischen Aktionen, wie sie im Moment im nordrhein-westfälischen Wahlkampf laufen unter dem Motto: "Kinder statt Inder"?



Dannegger: Das geht schon viel zu lange. Solche Sprüche müssten radikal abgesägt werden. Das ist populistisch und nationalistisch. Kammerer: Das sind politische Totschläger von Leuten, die in der Deutschen Politik eigentlich nichts verloren haben. Ich komme gerade zurück aus China. Dummerweise hat dieser Spruch Eingang gefunden ins "Asian Wallstreet Journal". Darin haben sie dann kommentiert, was von den Deutschen wohl zu halten sei und haben den Spruch "Kinder statt Inder" ins Englische übertragen. Er liest sich nicht besser. Er ist genauer gesagt genauso dumm und unanständig, wie im Deutschen auch.

Wie sehen sie derzeit sehr wechselvolle Entwicklung am Neuen Markt?



Dannegger: Wir haben schon lange darauf gewartet, das etwas korrigiert wird. Die Werte sind total überbewertet, auch, weil keiner so richtig versteht, was dahinter abläuft. Die Korrektur nach unter ist auch die Erkenntnis von Luftblasen und bringt den wirklich guten Firmen etwas. Die Anleger werden intelligenter. Kammerer: Die Entwicklung des neuen Marktes muss man sehen als Volksbewegung. Das ist das erste Mal, dass der Deutsche in größerer Form bereit ist, alternative Anlageformen wahrzunehmen. Wir sehen eine Änderung in der Bevölkerung ganz grundlegender Natur.

Die Frage, die natürlich kommen muss: Wann geht Living Systems denn nun endlich an die Börse?

Dannegger: Das können wir noch nichts genaueres sagen, nur, dass es spätestens nächstes Jahr sein wird. Wir sind derzeit intern bei den Vorbereitungen und wollen uns auch nicht unter Druck setzen lassen. Kammerer: Es ist unsere feste Absicht den Gang an die Börse in den nächsten zwölf Monaten zu tun. Es wird sicher nicht schon nach sechs Monaten sein, von heute ab gerechnet wohl acht bis zwölf Monate.

Bekommen dann hauptsächlich institutionelle Anleger Aktien, oder wird darauf geachtet, dass die hiesigen Kleinanleger, die ja schon auf den Börsengang warten, bedacht werden?

Dannegger: Darüber haben wir bislang noch nicht gesprochen. Bei jeder Emission gibt es ja ein "Friends an Family-Programm". Welche Möglichkeiten es da gibt, müssen wir sehen. Wir werden das Beste versuchen. Kammerer: Wir werden hoffentlich mit einem Problem zu kämpfen haben das so aussieht: es gibt mehr Leute die sich dafür interessieren, als es Aktien gibt. Anders herum wäre es ja ein sehr schlechtes Zeichen. Letztendlich wird es ein Verfahren geben, das mit den Investmentbanken auszutüfteln ist. Wir wissen, dass die Kleinanleger zu ihrem Recht kommen, die Garantie dafür, dass dann auch alle Aktien bekommen, können wir aber nicht abgeben.

 


Dokumentation aus dem Schwarzwälder Boten / Lokalredaktion Donaueschingen  / Datum: 6-4-00
Fotos: © 

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