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Braucht die deutsche Wirtschaft
ausländische Softwarespezialisten?
Christian Dannegger: Ja, auf jeden Fall.
Es fehlen hierzulande so viele. Wie man
hört, sollen es bis zu 75 000 sein. Beim
Arbeitsamt sind zwar auch ein paar
gemeldet, die sich auch auf
Informatikstellen bewerben, doch sind das
alles Leute, die nicht unbedingt dafür
ausgebildet sind. Momentan hat die
Wirtschaft und Politik die große Chance,
das Geschäft nach Deutschland zu bringen
und auch zu halten. Das kann man aber nur,
wenn man genügend Spezialisten
herbekommt. Kurt Kammerer: Die deutsche
Wirtschaft tut gut daran ausländische
Spezialisten in egal welchem Fach zu
suchen und in Deutschland anzustellen, wie
deutsche Arbeitnehmer auch. Das Problem
ist, dass das Ganze verengt ist auf die
prekäre Asyldiskussion, und Deutschland
ist ja nicht couragiert genug, eine aktive
Einwanderungspolitik zu betreiben. Statt
dessen betreibt man eine defensive und
versucht, jede Latte am Zaun zuzunageln,
egal ob es jemand ist, der was taugt, oder
der nichts kann oder "nur" ein
Asylantragsteller ist. Das wird hier alles
platt gemacht durch dumpfe
Kinder-statt-Inder-Sprüche.
Sollte die Green Card nur eine
Übergangsregelung sein oder wäre es
besser, den deutschen Markt generell für
ausländische Spezialisten zu öffnen?
Kammerer: Wir brauchen kein
Lotteriesystem, sondern eine aktive
Einwanderungspolitik. Deutschland muss
sich Selbstvertrauen genug angeeignet
haben, um, wie andere Länder das ganz
selbstverständlich machen, sich Leute
hier vorstellen zu lassen mit ihrer Vita.
Und dann werden sie eben akzeptiert oder
nicht. Das machen die Kanadier, die
Amerikaner... Wenn sie akzeptiert werden,
dann hat man hoch qualifizierte,
hochengagierte Leute im Land, das ja seine
Probleme nicht zuletzt deshalb hat, weil
es sich einigelt oder glaubt, die Welt
würde ohne Deutschland stattfinden. Der
Nachteil der passiven Einwanderungspolitik
ist, dass man keine
Steuerungsmöglichkeiten hat. Davon
ausgenommen sind natürlich die Notfälle,
bei denen es ja bei Kriegen oder sonstigen
größeren Unfällen in der Weltgeschichte
geht. Dannegger: Man sollte den Markt
grundsätzlich aufmachen. Wenn jetzt
ausländische Mitarbeiter kämen, dann
würden die soviel Geschäft hier halten,
dass man diejenigen, die jetzt hier
ausgebildet werden, auch hier
beschäftigen kann. Sonst muss mann wieder
nach draußen schauen oder die Firmen
gehen ins Ausland. Zum Zweiten muss man
die ausländischen Kräfte hier hinein
lassen, weil das die Spitzenkräfte
weltweit sind und die ansonsten in die USA
gehen. Außerdem fördert es das
multikulturelle Denken. Hierzulande wird
ohnehin permanent die Fähigkeit und
Intelligenz anderer Völker unterschätzt.
Wie hoch ist den der Anteil ausländischer
Fachkräfte bei Living Systems?
Dannegger: Wir haben jetzt 15 Nationen im
Haus. Am Montag Morgen habe ich den ersten
Inder vom Flughafen abgeholt. Dessen
Arbeitserlaubnis haben wir zum Glück noch
im vergangenen Jahr beantragt. Also, ich
würde mal sagen, der Anteil beträgt rund
20 Prozent. Kammerer: Heute ist ohnehin
ein guter Tag, wir haben alleine zehn neue
Mitarbeiter bekommen.
Welche direkte Erleichterung würde eine
solche Green Card einen Unternehmen wie
Living Systems bringen?
Dannegger: Wir könnten unser Wachstum
weiter fortführen, das wir durch die
Projekte einfach haben. Derzeit können
wir nicht alle Projekte annehmen. Wir
müssen welche ablehnen, weil uns einfach
die Leute dafür fehlen. Kammerer:
Vielleicht zum Vergleich, wie es denn
heute geht. Wir haben ein deutsches
Antragswesen, das uns, ganz im Gegenteil
zu den offiziellen Behauptungen, zunehmend
belastet. Wir können kurzfristig gar
nichts machen. Wir haben beispielsweise
ausländische Mitarbeiter, die seit
Monaten darauf warten, dass sie von uns
Nachricht bekommen. Bei den Anträgen gibt
es die verschiedenste Stellen, es gibt die
Ausländerbehörde, es gibt die IHK, es
gibt das Regierungspräsidium, alle
müssen ihren Stempel drauf tun und jeder
sagt, wieviel Arbeit er doch hat und dass
er auf den Input des einen wartet und er
vom anderen auch noch nichts da ist. In
Summe kommt nie ein Procedere unter
mehreren Monaten raus, wobei es nur um ein
paar wenige Stempel geht. Letztendlich
haben wir mit dem Grundproblem zu
kämpfen, dass die Deutschen sich mit
Händen und Füßen gegen Einwanderung von
Fachkräften wehren.
Die Einstellungshemmnisse sind also noch
so gravierend?
Dannegger: Die sind so groß, dass die
Leute einfach nicht kommen dürfen. Gerade
jetzt wieder wurden zwei Leute für uns
abgelehnt und bei den weiteren, die wir
jetzt einstellen könnten, mit den wir
schon Gespräche geführt haben, sind die
Chancen gleich Null. Das ist extrem
traurig. Nach einer groben Schätzung, die
ich gehört habe, erzeugen zwei
Informatiker einen nicht
informationtechnischen Arbeitsplatz. Wenn
die Leute hier leben, geben sie das Geld
auch hier wieder aus. Die Sorgen für
Arbeitsplätze, vom Bäcker bis zur
Fahrschule und brauchen auch Kleider und
so weiter.
Was halten sie von politischen Aktionen,
wie sie im Moment im
nordrhein-westfälischen Wahlkampf laufen
unter dem Motto: "Kinder statt
Inder"?
Dannegger: Das geht schon viel zu lange.
Solche Sprüche müssten radikal abgesägt
werden. Das ist populistisch und
nationalistisch. Kammerer: Das sind
politische Totschläger von Leuten, die in
der Deutschen Politik eigentlich nichts
verloren haben. Ich komme gerade zurück
aus China. Dummerweise hat dieser Spruch
Eingang gefunden ins "Asian
Wallstreet Journal". Darin haben sie
dann kommentiert, was von den Deutschen
wohl zu halten sei und haben den Spruch
"Kinder statt Inder" ins
Englische übertragen. Er liest sich nicht
besser. Er ist genauer gesagt genauso dumm
und unanständig, wie im Deutschen auch.
Wie sehen sie derzeit sehr wechselvolle
Entwicklung am Neuen Markt?
Dannegger: Wir haben schon lange darauf
gewartet, das etwas korrigiert wird. Die
Werte sind total überbewertet, auch, weil
keiner so richtig versteht, was dahinter
abläuft. Die Korrektur nach unter ist
auch die Erkenntnis von Luftblasen und
bringt den wirklich guten Firmen etwas.
Die Anleger werden intelligenter. Kammerer:
Die Entwicklung des neuen Marktes muss man
sehen als Volksbewegung. Das ist das erste
Mal, dass der Deutsche in größerer Form
bereit ist, alternative Anlageformen
wahrzunehmen. Wir sehen eine Änderung in
der Bevölkerung ganz grundlegender Natur.
Die Frage, die natürlich kommen muss:
Wann geht Living Systems denn nun endlich
an die Börse?
Dannegger: Das können wir noch nichts
genaueres sagen, nur, dass es spätestens
nächstes Jahr sein wird. Wir sind derzeit
intern bei den Vorbereitungen und wollen
uns auch nicht unter Druck setzen lassen.
Kammerer: Es ist unsere feste Absicht den
Gang an die Börse in den nächsten zwölf
Monaten zu tun. Es wird sicher nicht schon
nach sechs Monaten sein, von heute ab
gerechnet wohl acht bis zwölf Monate.
Bekommen dann hauptsächlich
institutionelle Anleger Aktien, oder wird
darauf geachtet, dass die hiesigen
Kleinanleger, die ja schon auf den Börsengang
warten, bedacht werden?
Dannegger: Darüber haben wir bislang noch
nicht gesprochen. Bei jeder Emission gibt
es ja ein "Friends an Family-Programm".
Welche Möglichkeiten es da gibt, müssen
wir sehen. Wir werden das Beste versuchen.
Kammerer: Wir werden hoffentlich mit einem
Problem zu kämpfen haben das so aussieht:
es gibt mehr Leute die sich dafür
interessieren, als es Aktien gibt. Anders
herum wäre es ja ein sehr schlechtes
Zeichen. Letztendlich wird es ein
Verfahren geben, das mit den
Investmentbanken auszutüfteln ist. Wir
wissen, dass die Kleinanleger zu ihrem
Recht kommen, die Garantie dafür, dass
dann auch alle Aktien bekommen, können
wir aber nicht abgeben.
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