Wenn das Mobiltelefon im Unterricht klingelt
...behelfen sich findige Schüler mit dem Vibrationsalarm / Als Spickzettel immer noch zu umständlich

Mobiltelefone sind inzwischen auch unter Schülern weit
verbreitet. Ausgerechnet über dem Gelände des
Fürstenberg-Gymnasiums tut sich freilich zum Leidwesen
viele- aber eher zur Freude der Lehrer -ein Funkloch auf. (Foto: Moser)
Donaueschingen (gm). Nach Zahlen von D2-Mannesmann besitzen zwischen 60 und 70 Prozent der Zwölf- bis 17jährigen ein Mobiltelefon. Das Städtedreieck mit seinen Bildungseinrichtungen bildet da keine Ausnahme. Und die Schulen zeigen sich bemüht, die Sache in den Griff zu bekommen.
Eines der Probleme, die zuvorderst auftauchen, ist nicht nur die Unverträglichkeit mit dem Schulbetrieb, sondern oft erst einmal ein rein finanzielles. So geraten die Kids trotz "günstiger Angebote" oftmals in Zahlungsnot. "Mit XtraCard hast Du keine weitere Verpflichtung" und "wenn dein guter Freund mal schlechte Laune hat, schick ihm einfach 'ne Kurzmitteilung". Die Resonanz auf solche Werbeslogans ist gewaltig. Und wenn die Mannesmann-Statistik auch (noch) angezweifelt werden darf, bestätigen die auf dem Schulweg gelegenen Mobilfunkhändler doch, dass die "Kids" ein wichtiger Faktor in ihrer Kalkulation sind.
Der absolute Renner unter den Jugendlichen, so Albay Rak, Filialleiter der MegaCom, sind die sogenannten Packetangebote, die in der Regel mit einem 50 Mark Jahresguthaben feil geboten werden. Vorteil für den minderjährigen Käufer dabei ist, dass sie ohne vertragliche Bindung auch von Personen unter 18 Jahren legal erworben werden können.
Pro Woche 70
Telefonkarten für Kids
Die Illusion indes, dass sich dieses Guthaben ein ganzes Jahr hält, verflüchtigt sich meist innerhalb weniger Tage. So wandern allein in den beiden Mobilfunkläden der Max-Egon Strasse pro Woche 70 Karten zu je 50 und 25 Mark über den Ladentisch. Schulden werden auch mit den vorbezahlten Karten, die im zwei Wochentakt abgerechnet werden, gemacht. So berichten Händler von erbosten Eltern, die das Stück kehrt wendend ins Geschäft zurückbringen. Tobias Kaltenecker vom D2 Shop räumt in der Regel eine Rückgabefrist von drei Monaten ein.
Die Donaueschinger Schulen reagieren auf die Handyflut unter ihren Schülern - am Fürstenberg Gymnasium etwa telefonieren um die 30 Prozent der Oberstufenschüler mobil, mit strengen Auflagen und Verboten. Während der Unterrichtszeit ist der Gebrauch tabu. "Zur Abitursprüfung müssen die Geräte, wenn nicht gleich Zuhause gelassen, dann doch bei der Aufsicht abgegeben werden", sagt der stellvertretende Schulleiter, Hans-Jürgen Martin. Doch müssen sich hier die Zustände am Fürstenberggymnasium im Vergleich zur nebenliegenden Grund- und Hauptschule, wo schon mal im Unterricht telefoniert wird, noch ausgesprochen lehrerverträglich gestalten. Grund hierfür ist das Funkloch, welches das Gymnasium überspannt.
Um langweilige Stunden zu überbrücken, werden auch Kurzmitteilungen ganz gerne genutzt. "Da kann man mit dem Handy unter der Bank schon mal die Religionsstunde verkürzen", meint ein Oberstufenschüler trocken. Oder den Kontakt zu der sich in der darüber liegenden Etage "einsitzenden" Freundin aufrecht erhalten. Sehr beliebt, besonders bei den jüngeren Jahrgängen, ist neuerdings ein "One Touch" Handy, das nicht nur einfach zu bedienen ist, sondern auch als ausgesprochen "Chic" gilt.
Zum direkten spicken eignen sich Handy's bislang angeblich weniger. Denn, so ist aus kundigem Schülerkreis zu hören: Bevor man sich die Finger für eine SMS Nachricht wund getippt hat, ist der traditionelle Spickzettel schneller zur Hand und somit auch im neuen Jahrtausend nicht zu schlagen.
Abitur nur noch im Funkloch sicher
Von Klaus Koch
Manche der Mobiltelefone sind nicht mehr viel größer als ein Tamagotchi, jenes aus Japan stammende elektronische Spielzeug, das per Tastendruck ständig beschäftigt und gefüttert werden will. Handys indessen begnügen sich nicht mit elektronischen Impulsen, um zu signalisieren, dass sie irgendwann auch mal »satt« sind, sondern verschlingen oft Unsummen.
Gerade zu Weihnachten sind viele Familienväter und -mütter auf die Werbung für Quasselkisten hereingefallen, mit denen ihre Kinder fast überall erreichbar sind, und die zum Spottpreis zu haben waren. Der Schreck kommt spätestens nach der ersten monatlichen Abrechnung. 300 bis 400 Mark sind fast schon die Regel, bevor es Eltern gelingt, ihren Sprösslingen den (Gebühren-) Riegel vorzuschieben.
Auf einem ganz anderen Blatt steht dass es den »Kids«, so sie erst einmal im Besitz eines solchen Apparates sind, mit ein wenig Übung praktisch mühelos gelingen dürfte, unter dem Tisch per SMS, e-mail oder Textmitteilung Prüfungsergebnisse abzufragen.
Heinz Baumgartner, Leiter der Kaufmännischen und Hauswirtschaftlichen Schulen relativierte dies gestern mit dem Hinweis darauf, dass komplexere Aufgaben beim bislang umständlichen Eintippen des Buchstabencodes auf der Nummerntastatur kaum zu bewältigen sind. Mathematikergebnisse jedoch sind schnell untergebracht und über die Sonderzeichenfunktion bestens zu übertragen. Das Selbe gilt für Multiple Choice-Tests, bei denen ganze Listen ohne größeren Zeitverlust ebenfalls relativ rasch ihren Weg über den Äther finden. Dafür werden bei den verschiedenen Anbietern nur Pfennigbeträge fällig.
Die Lehrkräfte ihrerseits reagierten bereits mit der Anweisung an die Schüler, ihre Handys im Unterricht - ganz so, wie dies bislang vor allem bei Besprechungen in großen Konzernzentralen üblich war - gefälligst auszuschalten. In solchen Fällen hilft den Pennälern der geräuschlose Vibrationsalarm weiter. Wer will da noch wissen wer nicht alles mehr oder weniger heimlich mit wem »kommuniziert«. Baumgartner jedenfalls stieß nun unvermutet darauf, dass auf Grund der neuen Vielfach-Funktionen Rechner und Telefon auch immer häufiger in ein und demselben Gerät anzutreffen sind. jetzt müssen bei wichtigen Prüfungen eben schuleigene Taschenrechner ausgeteilt werden, damit sich einzelne nicht einen ungerechtfertigten Vorteil verschaffen.
Insel der Glückseligen könnte hier immer noch das Fürstenberg-Gymnasium sein. Denn dort, wo sich die Innenstadt gleich einem der sieben Hügel von Rom vor die direkte Sichtverbindung mit dem Sendeturm der Telekom in der Kolpingstraße schiebt, kommen auch die hochfrequenten Funkwellen, ähnlich den Radarstrahlen im Gigahertz-Bereich, nicht mehr durch. Ein wichtiger Fingerzeig, um auch weiterhin das Abitur als wertvollen Prüfstein im Leben der jungen Leute Gültigkeit bewahren zu lassen.
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