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Leserbrief  an die Lokalredaktion Donaueschingen. 

Zum Thema "Achtjähriges Gymnasium" wird uns geschrieben:

Durch die Gemeinderatsdebatte und die nachfolgenden Stellungnahmen in der örtlichen Presse ist das Thema "Einführung des achtjährigen Gymnasiums in Donaueschingen" endlich dorthin gelangt, wo es eigentlich erörtert werden muss: nämlich in der Öffentlichkeit. Denn die Dauer der Gymnasialzeit ist kein rein schulinternes Problem, sondern ein gesellschaftspolitisches Thema ersten Ranges.

Für die allgemeine Einführung des achtjährigen Gymnasiums für alle - also nicht nur eines so genannten Turbozugs neben dem bisherigen Verfahren - sprechen heute, so meine ich, mehrere schwerwiegende Gründe; einige seien im folgenden genannt:

Zum einen erfordert das achtjährige Gymnasium eine durchdachte Kürzung des Unterrichtsstoffes. Das ist zwar nicht einfach, lässt sich aber meines Erachtens dennoch bewältigen. Vielleicht sollte man die Lehrpläne einmal weniger unter dem Aspekt gestalten, welchen Stoff man gerne und unbedingt behandeln möchte; die Messlatte sollte viel eher sein: Was ist für die Lernenden unverzichtbar, um den künftigen beruflichen Anforderungen gerecht zu werden. Wenn dabei Lernbereitschaft und schulische Leistung wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden, ist das nur zu begrüßen. Die zuweilen gepflegte "Kuschelpädagogik" mag zwar lieb und recht sein, die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schule wurden damit aber in der jüngsten Vergangenheit offensichtlich nur bedingt erfüllt.

Ebenso heißt verkürzte Schulzeit mehr Leistung - natürlich im vertretbaren Rahmen - und weniger Leerlauf im Schulalltag. Auch das erscheint machbar, vor allem, wenn man beispielsweise bedenkt, dass ein Großteil der späteren Abiturienten in Jahrgangsstufe 12 und/oder 13 so nebenher stundenweise oder gelegentlich auch halbtags jobbt, um so das Taschengeld aufzubessern. Weitere ähnliche Beispiele ließen sich anfügen.

Ein weiterer Grund, der für das achtjährige Gymnasium spricht, ist der späte Zeitpunkt, mit dem die Hochschulabsolventen in Deutschland ins Arbeitsleben eintreten. Im europäischen Ausland ist der Berufsanfänger gerade mal 24 oder 25 Jahre alt, bei uns liegt der Durchschnitt bei 28 Jahren und mehr; im Falle einer Promotion sind 30 bis 32 Jahre keine Seltenheit. Dass dieser Missstand nicht allein mit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums behoben werden kann, ist klar. Aber hier ist ein Ansatzpunkt zur Verbesserung, andere müssen folgen.

Letztlich spricht auch ein ganz praktischer Grund für das achtjährige Gymnasium und seine Einführung für alle Schülerinnen und Schüler in unserer Stadt. Jede Reform kostet Geld, und es ist klar, dass diejenige Schule, die sich in der Sache engagiert und nicht abwartend abseits steht, auch bei der erforderlichen Neuausstattung vom Geldgeber vorrangig berücksichtigt wird. (Wer zu spät kommt, den . . .) Das war schon bei der Gemeindereform in den siebziger Jahren so!

Das Gebot der Stunde sind daher die berühmten Nägel mit Köpfen. Denn dass unser Ausbildungs- und Bildungssystem nicht mehr das ist, was es früher einmal war, wird uns fast täglich vor Augen geführt. Die Begriffe Green Card für IT-Berufe (Fachinformatiker aus Indien und anderen Ländern der Dritten Welt) und bayerische Blue Cards (Ingenieure aus Rumänien) sind mittlerweile jedem bekannt. Und der Anlass für diese Sache auch: Es gibt zu wenige qualifiziert ausgebildete deutsche Fachkräfte im jeweiligen Bereich.

Dass die Donaueschinger Rathausverwaltung und die übergroße Mehrheit meiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen im Gemeinderat die Einführung des achtjährigen Gymnasiums nachdrücklich befürworten, hat mich gefreut. Bleibt zu hoffen, dass diese Haltung von Verwaltung und Gemeinderat auch bei anderen Entscheidungsträgern nach den Ferien richtig verstanden wird.

Rüdiger Schell
Donaueschingen


Dokumentation aus dem Schwarzwälder Boten / Lokalredaktion Donaueschingen  / Datum: 3-8-00

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