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Geheimnisvolle Ursprünge?
Gedanken zu drei bekannten Begriffen im Landkreis: Donau, Neckar,
Baar
Prof. Dr. Günther Reichelt
aus Almanach 94 / Heimatjahrbuch Schwarzwald-Baar-Kreis 18. Folge / 316-323
(Dokumentation)
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Wo gibt es das in Deutschland sonst: dass in einem einzigen Landkreis gleich zwei Flüsse ihren Anfang nehmen, die in so hohem Maße die Phantasie vieler Menschen beschäftigt haben und
Anlass zu zahlreichen Volksliedern, Gedichten, Sagen und Geschichten sowie zu vielen Werken der bildenden Kunst waren. Dann werden Donau und Neckar wohl nicht einmal vom Rhein übertroffen, von Weser, Elbe, Mosel, Lahn und Saale ganz zu schweigen.
Doch nicht davon soll die Rede sein, obwohl man sehr wohl fragen könnte, was denn römische Kaiser dazu trieb, in aufwendigen und nicht ungefährlichen Expeditionen die Quellen der Donau zu suchen; und warum reisten die württembergischen Herzöge und Könige mehrfach eigens ins Dorf Schwenningen, um einen Schluck aus der angeblichen Quelle des Neckars zu nehmen und wenigstens einen Gedenkstein zu setzen? Quellen und Ursprünge haben von jeher und bis in unsere Träume hinein einen hohen symbolischen Wert. Darum darf es uns eigentlich auch nicht wundern, wenn sich um die Ursprünge dieser Gewässer Legenden und Wunschgedanken spinnen, die im Gewande der ganz gewissen Wahrheit daher kommen. Aber, was ist schon "Wahrheit"? Gibt es nicht moderne Philosophen, die diesen Begriff überhaupt ablehnen? Und wer unterscheidet schon genau Wahrheit und Wirklichkeit? Jedenfalls ist Wahrheit nicht immer so einfach wie ihre Eiferer gern vorgeben. So verhält sich das denn auch mit den Ursprüngen von Donau und Neckar.
Nehmen wir zum Beispiel den Neckar: Die Schwenninger haben zwar mindestens zwei erklärte Neckarquellen auf ihrer Gemarkung; aber die Eschachquelle entspringt 14 km weiter von der Neckarmündung entfernt als die Schwenninger Quellen und obwohl die Eschach noch dazu mehr Wasser als der Neckar oberhalb des Zusammenflusses führt, hat sie bisher noch niemand als den "eigentlichen" oder "wirklichen" Neckar in Anspruch genommen.
Überhaupt handelten die Schwenninger ziemlich pragmatisch. Als die früher von Herzog Eberhard Ludwig und von König Wilhelm
I. beehrte gut württembergische Quelle wegen der Salinenbohrungen 1825 ausblieb, wurde der Gedenkstein entfernt und die nahe Rietenquelle kurzerhand zur Neckarquelle erklärt. Als diese beim Eisenbahnbau 1868 versiegte,
entschloss man sich, den Neckarursprung ins Schwenninger Moos zu verlegen. Um das recht eindrucksvoll zu gestalten, hoben die Schwenninger 1934 sogar einen "neuen Moosweiher" aus. Inzwischen steht aber wieder die Nachbildung des Gedenksteins von 1733 an der Stelle der früheren Neckarquelle. Seitdem gibt es also mindestens zwei Neckarquellen allein in Schwenningen, ganz abgesehen vom Kugelmoosbach, der Muslen und dem Brühlgraben. Abgesehen auch, wie gesagt, von der viel längeren Eschach.
Bei der Donau ist die Sachlage etwas komplizierter. Da gibt es eine Quelle neben dem
Donaueschinger Schloss, die seit mindestens 1292 als Ursprung des Donaubaches
archivaltisch bezeugt ist; aber der floss nach anfangs parallelem Lauf schließlich in die größere Brigach, kurz bevor die sich mit der Breg vereinigte. Brigach und Breg indessen entspringen einige Zehnerkilometer weiter oberhalb im Schwarzwald. Nun darf man durchaus darüber spekulieren, ab wo denn nun genau der Name "Donau" gültig ist und ob tatsächlich der viel kleinere Donaubach den beiden größeren Flüssen Brigach und Breg seinen Namen aufgezwungen hat. Das ist übrigens bei vielen Flüssen der Fall und eine bloße Frage der historischen Namengebung, nicht aber wissenschaftlicher Klassifizierung. Man denke nur an das Paar Rhein/Aare oder Elbe/ Moldau. Unbeeindruckt davon, ob denn nun der Name Donau ab dem
Einfluss des (seit 1820 verdolten) Donaubaches in die Brigach berechtigt ist oder nicht: Aus durchaus praktischen Gründen setzen heute die amtlichen Stellen den
Kilometer "Null" der Donau exakt am Zusammenfluss der Bnigach
und der Breg, folgen also dem Beispiel der Weser beim Zusammenfluss von Werra und Fulda.
Anders als beim Neckar schwelt allerdings ein zuweilen heftig entflammender Streit zwischen manchen Furtwangern und Donaueschingern darüber, welche von beiden Städten denn nun im Besitz der "wahren" Donauquelle sei. Nein, ich widerstehe der Versuchung, weitere "Beweise" für die eine oder andere These zu liefern. Und ich finde den Urteilsspruch des "hohen und grobgünstigen" Stockacher Narrengerichts von 1984 ausgesprochen weise: "Der Streit um die Donauquelle ist zu schön, als daß er durch ein närrisches Urteil für alle Zeiten beendet werden dürfte".
Einen weiteren Streit könnte entfachen, wer behauptet, die sogenannte Quelle der Breg sei mindestens so zweifelhaft wie die Donauquelle. Und das
lässt sich begründen. Spätestens seit es nämlich Landkarten gibt, wird der Name Breg für jenen Bach verwendet, welcher aus Süden kommt, vom Hausebenehof her aus "Hinterbreg", aus Mäderstal und Schnabelstal sich speist und auf Furtwangen zufließt. Das entspricht auch den ursprünglichen
Gewannnamen. Folglich fließen die von Norden her von Neuweg, Katzensteig und aus den
Schützenbachtälchen kommenden Bäche zwar in die Breg, führen vielleicht sogar
mehr Wasser, aber keinesfalls ihren Namen. Nun kann man freilich die historische Namengebung beiseite schieben und nach
der "wahren" Quelle fragen. Damit wird dann meist der Anspruch verbunden, "wissenschaftlich" vorzugehen. Allerdings ist es fast beliebig, ob man dann die höchstgelegene oder die am weitesten von der Mündung entfernte oder die wasserreichste Quelle als die "wahre"
oder "eigentliche" annimmt. Bestenfalls handelt es sich dabei um Konvention, die aber dadurch nicht unbedingt an Wahrheit gewinnt oder als unumstößliche "Wissenschaft" zu bezeichnen wäre.
Wer trotzdem das Spiel spielen möchte, "wissenschaftlich" vorzugehen, sollte sich
a) genaue Karten besorgen,
b) nachmessen,
c) selbst nachschauen, ob die Karten auch stimmen.
Und da ist denn die "wahre" Bregquelle für manche Überraschung gut. Entscheidet man sich nämlich für das Kriterium "am weitesten entfernt", so darf man die Bregquelle entweder im Oberen Katzensteig am Briglerain oder im "Neuweg" nahe der Martinskapelle suchen. Wer sich an die
Messtischblätter hält, wird bald mit Überraschung feststellen, daß zwar vom Briglerain ein geschlossener Wasserlauf der Breg zufließt, nicht aber von der Martinskapelle her. Und wer sich die Mühe macht, den Befund nachzuprüfen, wird bald finden: die Karte stimmt. Die Wassermenge der kleinen Quellen unter der Martinskapelle reicht gar nicht, um außerhalb der Schneeschmelze einen zusammenhängenden Bach zwischen Kolmenhof und Jonasenhof zu bilden. Die in Stein
gefasste Quelle versiegt im Spätsommer sogar oft ganz. Erst unterhalb des Jonasenhofs kann wirklich von einem Bach gesprochen werden. So gesehen wäre also die Quelle am Briglerain am weitesten von der Donaumündung entfernt. Wer freilich ganz spitzfindig ist, kann noch oberhalb der mit zwei textreichen Bronzetafeln geschmückten und vor rund 30 Jahren
gefassten Quelle unter der Martinskapelle noch weitere Sickerquellen entdecken. Geologen sprechen von
"Nassgallen", welche bestenfalls "Seitenbäche" oder "Hungerbäche" speisen. Aber ist es denn wirklich "wissenschaftlich", das nun gleich "Breg" oder gar "Donau" zu nennen? Und sind denn historische Namen weniger "wissenschaftlich"?
Szenenwechsel: gehen wir hinüber zur Brigachquelle unter dem Hirzbauernhof, Fast unverändert schüttet sie jahrein, jahraus eine zwar bescheidene aber zuverlässige Wassermenge in den Teich, der dann ganz ohne Zweifel die Brigach entläßt. Keine Tafel, keine Behauptung, obwohl auch sie
einmal als "eigentliche" Donauquelle in Anspruch genommen wurde. Da steht nur schlicht eingemeißelt:
"Brigachquelle". Darunter ist die Kopie des "Dreigöttersteins" eingefügt, der heute unangefochten als Zeichen keltisch-römischer Quellenverehrung gedeutet wird und im vorigen Jahrhundert im Mauergewölbe des Hirzbauernhofs gefunden wurde.
Nein, ich hole jetzt nicht zum großen Lob der Donauquelle neben dem Donaueschinger
Schloss aus; auch wenn sie ständig zwischen 15 und 80 l/s Wasser liefert, eine Größenordnung mehr als die Quellen von Brigach und Breg; auch wenn sie schon von Sebastian MÜNSTER 1538 vermessen, als! Fons Danubii" bezeichnet wurde und ihr Bach seit 1292 in Übereinstimmung mit den ältesten Urbaren als Donau oder "Thonaw" benannt wurde. Ich will auch nicht die antiken Schriftsteller bemühen, welche die Quelle oder die Quellen ("Fontes") der Donau suchten, fanden oder jedenfalls davon berichteten, handelte es sich nun um Herodot, Strabon, Plinius oder Ausonius. Mir geht es um etwas anderes, was über dem närrischen Streit um "die" Quelle gern übersehen wird, aber mindestens so aufregend ist.
Da ist einmal der Name "Baar". Zweifellos ein weit in die Vorgeschichte zurückreichender Name, weit älter als das Germanisch/Alamannische, ich folge einer gründlichen Arbeit von H. BANSE (1984), wenn ich annehme, der Name sei sogar älter als die keltischen Namen "Neckar", "Donau", "Brige" und "Brege". Linguistische Vergleiche und geographische "Realproben" sprechen dafür,
dass sich in "Baar" ein indogermanisches Wort ("bher") verbirgt, das "aufwallen" bedeutete und sich bei Kelten und Illyrern zu "bara" mit der speziellen Bezeichnung von Sumpf- und Quellenland wandelte; in dieser Bedeutung blieb es bis heute unter anderem im südslawischen Wortschatz erhalten.
Tatsächlich ist die weite Riedbaar zwischen Schwenningen, Hüfingen und dem Wartenberg - so zeigen die vegetationsgeschichtlichen Untersuchungen - ein wirkliches Sumpf- und Quellenland gewesen. Das
muss angesichts der trockeneren, grösstenteils verkarsteten Hänge und Hochflächen ringsum zu Zeiten der Landnahme ein eindrückliches Erlebnis gewesen sein.
Treffen wir doch noch heute zwischen Allmendshofen und Donaueschingen auf einem Quadrat von 2 x 2 km runde 25 Quellen an, die insgesamt - je nach Wetterlage - zwischen 500 l/s und über 1000 l/s Wasser spenden. Von ihnen ist die
Schlossquelle nicht einmal die stärkste. Nach dem eingehenden Studium alter Karten und Aufzeichnungen veranschlage ich die ursprüngliche Zahl dieser Quellen und Lachen im Bereich der Riedbaar auf über 100. Erst die systematische Trockenlegung dieser Landschaft seit dem späten 18. Jh. und besonders in den letzten Jahrzehnten reduzierte diese Quellen mit zunehmender Geschwindigkeit auf inzwischen weniger als die Hälfte.
Natürlich ist zu fragen, wie es zu dieser unvergleichlichen Häufung von Quellen in der Riedbaar kommt, weil diese Landschaft selbst eigentlich im ausgesprochenen Niederschlagsschatten des Schwarzwaldes liegt. Falls man das genau wissen will, ist die Antwort gar nicht so einfach. Zwar sind Versinkungsstellen der Breg unterhalb von Wolterdingen und bei Hüfingen bekannt und andere der Brigach wurden vermutet. Man weiß auch, daß die Wässer im verkarsteten Oberen Muschelkalk versitzen und daß die Quellen der Riedbaar artesisch gespannt als sogenannte "Waller" das dünne Dach des
darüber liegenden Keupers in domartigen Quellkuppeln durchbrechen, vermutlich an Stellen früherer Dolineneinbrüche, die heute freilich unter 10-15 in mächtigen eiszeitlichen Kiesen und Sanden verschüttet sind. Aber die bekannten Versinkungsmengen sind viel geringer als die Quellschüttungen und frühere Salzungsversuche lieferten keine Hinweise auf tatsächliche Zusammenhänge zwischen den Versinkungsstellen und den Quellen. Erst 1971 konnte H. HÖTZL durch Färbeversuche mit Uranin bei allerdings hoher Wasserführung nachweisen, daß sich Bregwasser in 15 von 22 Quellen im Donaueschinger Raum nach 41-65 Stunden wiederfindet. Für den Hauptdurchgang errechnete sich bei der Gutterquelle eine Geschwindigkeit von rund 70 m/h. Ein späterer Versuch bei niedrigerem Karstwasserspiegel blieb hingegen, wie schon frühere, ergebnislos. Der Forscher versuchte das mit einer möglichen Verschiebung der
Abflussrichtung bei unterschiedlicher Wasserführung zu erklären.
Wie dem auch sei und einerlei wie viel des im Donaueschinger Ried aufstoßenden Wassers denn nun Fremdlingswasser ist: Quellen bleiben eben Quellen. Deren Faszination kann man sich freilich nur schwer entziehen. Und wenn sie derart dicht und reichlich sprudeln wie bei Donaueschingen, wird wohl leicht verstehbar, warum die Erstbesiedler vor vielleicht 4000-5000 Jahren dieser überraschend weiten, noch dazu moordurchsetzten Quellenlandschaft den Namen "Baar" gegeben haben. Hier in der Riedbaar bekommt die Donau auch ihr eigenes unverwechselbares Gesicht. Da ist es vielleicht noch von historischem Interesse, welche der zahlreichen Quellen denn nun "wirklich" Taufpatin der Donau gewesen ist. Aber selbst Zahlenfanatiker können nicht übersehen,
dass die Breg zwar durchschnittlich 5 Kubikmeter/s und die Brigach 3 Kubikmeter/s vor Donaueschingen zur Donau beitragen, daß ihr aber immerhin 4 Kubikmeter/s zwischen Donaueschingen und Geisingen aus bekannten und unbekannten Quellen zufließen.
Prof. Dr. Günther Reichelt
aus Almanach 94 / Heimatjahrbuch Schwarzwald-Baar-Kreis 18. Folge / 316-323
weitere Literatur im Almanach zur Donau:
Almanach 1985, Seiten 170-181, und
Almanach 1989, Seiten 237-242,
zum Neckar:
Almanach 1984, Seiten 215-221,
zur Baar:
Almanach 1985, Seiten 103-113.
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