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Schreibwettbewerb:
Bild „Nachtschwärmer“ von Edward Hopper, 1942
Vorbei Die Nachricht kam
noch vor dem Mittagsessen, etwa um 11.30 Uhr, kurz davor hatte die
Kirchenuhr ihre übliche kleine Melodie zur halben Stunde gespielt. Mein Herz klopfte
heftig, als ich den kleinen Brief in die Hand nahm. Ich erkannte seine
Schrift, sehr feine Striche, leicht schräg gestellt und sehr
zerbrechlich. Sie passte kein bisschen zu seinem
imposanten Äußeren. Mit zitternden
Fingern öffnete ich den Umschlag, der dabei zerriss. Das Papier war
billig, nicht so wie das Teure, das er
für seine Briefe an
wichtige Persönlichkeiten benutzte. Es standen enttäuschend wenige
Worte auf dem Briefbogen, kaum drei Sätze: „ Ich möchte dich
sehen. 20.00 Uhr. Ich hol dich ab.“ Ich spürte, wie mir
heiß wurde. Endlich! Nach zwei Wochen Briefen und kurzen Telefonaten würde
ich ihn wieder sehen. Ich drückte
den Brief an mein Herz und lachte vor Freude laut auf. Aufregung und Glück
nahmen von mir Besitz und ich begann im Zimmer herum zu tanzen, den
Brief in meiner Hand. Es war unglaublich, wie sehr mich die wenigen Sätze
von ihm glücklich machten. Je näher das Treffen
rückte, desto nervöser wurde ich. Ich bekam keinen Bissen herunter und
begann schließlich schon um 17 Uhr damit mich zu richten. Als ich
meinen Kleiderschrank öffnete, fiel mein Blick sofort auf das rote
Kleid, das ich bei unserer ersten Begegnung getragen hatte. Ich griff
danach, befühlte den seidenweichen Stoff, der so viele Erinnerungen in
sich trug, sein Gesicht, als ich ihn
zum ersten Mal sah, das Lächeln, das er
mir damals geschenkt hatte, sein
erster Kuss… Ich nahm es heraus und zog es an. Mit großer Sorgfältigkeit
schminkte ich mich. So wie er es
mochte: Nicht zu viel Rouge, aber dafür kräftigen Lippenstift und
etwas Wimperntusche. Danach betrachtete ich mich im Spiegel und stellte
zufrieden fest, dass ich schlichtweg umwerfend aussah. Sowohl verführerisch
als auch elegant. Er
würde es bereuen, mich zwei Wochen nicht gesehen zu haben, und es nie
wieder vorkommen lassen. Während ich auf ihn
wartete, wagte ich kaum mich zu bewegen aus Angst, meine Schminke könnte
verschmieren oder mein Kleid verrutschen, bevor er
kam. Ich wollte absolut perfekt aussehen. Er
kam zu spät. Aber er war da, das
war für mich die Hauptsache. Seine Umarmung fiel ungewöhnlich kühl
aus, er berührte mich kaum. Auf einmal war meine ganze Freude
verschwunden. Während wir liefen, betrachtete ich sein Gesicht
und sah, wie eingefallen und blass es war. Was war in den zwei Wochen
passiert? Wir schwiegen, bis
wir an einem kleinen Café vorbeigingen. Es war beinahe leer, nur ein
Gast saß dort. Er hielt an: „Lass uns da rein gehen.“ Er
flüsterte fast, seine Stimme war ganz tonlos. Wir setzten uns an
die Theke und bestellten etwas zu trinken. „Gehen wir nicht essen“,
fragte ich. Er schüttelte den Kopf: „Du weißt doch, dass wir
nicht zusammen gesehen werden dürfen“, murmelte er, „heute
sind viele Geschäftsmänner unterwegs, das ist freitags so üblich.“
„Natürlich“, sagte ich nur. Unsere Getränke
kamen und wir schwiegen wieder. Der Kellner sah zu uns herüber, sein
Blick war beinah mitleidig. Ich senkte den Kopf. Wir tranken aus und
standen gleichzeitig auf. Ich rannte fast nach draußen, mir war übel.
Vor der Tür sog ich gierig die frische Luft ein. Er stand hinter mir
und sagte kein Wort. Mir kamen die Tränen. Ich drehte mich zu ihm um. „Was ist nur los
mit dir?“ schluchzte ich. „Hat deine Frau...?“
„Meine Frau hat damit nichts zu tun“, unterbrach er mich
gereizt. Natürlich hatte sie etwas damit zu tun! Immer war sie es, die
zwischen uns stand, die ihm im Weg war, wenn er zu mir wollte, die es
unmöglich machte, dass er für immer bei mir blieb. Aber als ich ihn
ansah, wurde mir plötzlich klar, dass er froh darüber war, dass sie es
verhinderte, eine Zukunft mit mir zu beginnen. Er wollte es gar nicht! „Liebst du mich
eigentlich?“, fragte ich, wobei mir auffiel, dass er es tatsächlich
noch nie zu mir gesagt hatte. Ich war immer davon ausgegangen, dass er
es tat, aber jetzt, als er nur seufzte und unwillig schwieg, merkte ich,
wie falsch ich die ganze Zeit gelegen hatte. In mir brach alles
zusammen, all die schönen Erinnerungen, all die Tage, die wir zusammen
verbracht hatten, jeder Kuss war eine Lüge gewesen und vor meinem
geistigen Auge wurden sie plötzlich grau. „Ich glaube, es ist
besser, wenn wir uns nicht mehr sehen.“ Seine Worte drangen
wie durch Watte zu mir hindurch. Ich nickte und dann drehte ich mich um
und ging. Ich sah nicht zurück. Kein einziges Mal. Es war vorbei. |
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