Julia Elben,9e


Bildimpuls: Edward Hopper, Nachtschwärmer (Nighthawks), 1942


Ziele

Er stockte. Dann blieb er ganz stehen. Seine Füße taten schon lange weh, sie waren weiche, grüne Wiesen gewöhnt, nicht den harten Asphalt auf dem er die letzten Tage und Nächte gelaufen war. Das war die letzte geöffnete Bar in dieser Stadt. Sollte er es wagen, all die Vorsichtsmaßnahmen zu missachten? Die selbstgestellten Regeln, die ihn in die letzten Wochen am Leben gehalten hatte? Man sollte auf sein Herz hören, dachte er, manchmal ist das Herz aber auch in den schmerzenden Füßen! Ein letztes Mal schaute er sich um, dann trat er aus dem Schatten des Stadthauses in das grelle Licht der "Phillies". 
Grüßend hob er seine Hut, als er eintrat, der Kellner antwortete mit einem kaum zu erkennenden Kopfnicken. Mit einem leisen Seufzer setzte er sich auf den Barhocker, ein weicher Sessel wäre ihm und seinem Rücken lieber gewesen. "Sie kommen von weit her?" Er zuckte zusammen, duckte sich schützend über seinen Rucksack. Es war ein Fehler gewesen hierher zu kommen. "Ja", fast musste er sich zwingen noch ein "und Sie?" hinzuzufügen.
"Hier aus der Stadt, wobei Stadt bei dem Nachtleben wohl übertrieben ist." Steif versuchte er ein Lächeln. "Sie müssen es ja wissen." Der Mann war ihm unheimlich, ja, auf einmal wirkte die ganze Bar furchteinflößend. Er sah nicht, was hinter seinem Rücken geschah, war den Blicken der vorbei laufenden Leute völlig ausgeliefert. Musste es ihnen nicht auffallen, was gerade er hier tat. Panik stieg in ihm auf, angestrengt versuchte er sich davon zu überzeugen, dass zu dieser späten Stunde niemand mehr unterwegs war außer ihm und ein paar Nachtschwärmern. 
"Haben Sie vor, länger zu bleiben?" Was wollte dieser Mann von ihm? Die Menschen hier waren einsam, er hatte kein einziges glückliches Paar gesehen. "Wie? Ach, nein, ich bin nur auf der Durchreise." Durchreise, dieses Wort war für ihn zu einer neuen Heimat geworden. Nirgends bleiben, ein Tag, eine Stadt, dann der nächste Tag.
"Müssen Sie noch weit fort? Sie sehen aus, als bräuchten Sie mal eine Pause." Der Mann mit dem Hut wirkte auf ihn, als sehnte er sich geradezu mit jemandem reden zu können. Einsam sah er aus, als hätte er schon seit Wochen keinen richtigen Kontakt zu anderen Leuten gehabt. Fast so wie ich, dachte er bei sich. "Ja, noch weit, noch sehr weit." Wieweit, mit dieser Frage hatte er sich noch nicht beschäftigt. Nur immer weiter, immer weiter weg von den Leuten aus seinem Dorf. "Haben sie ein bestimmtes Ziel? Verzeihung, wenn ich so offen frage, aber Reisende und ihre Geschichten interessieren mich schon seit meiner Kindheit brennend." Ein Ziel, ein bestimmtes ZIEL? Grüne Wiesen, Berge, Wälder, waren das Ziele, zu denen man auf einem geraden Weg gelangen konnte? Wohl kaum und wenn: Dieser Weg war für ihn versperrt, kein Durchkommen für einen, der sein Dorf verraten hatte. So hatten sie es gesagt, dabei hatte er nur versucht, sie zu retten. Noch verstanden sie nicht, was die Schriften in seinem Rucksack für das Dorf bedeutet hätten. Doch die Zeit würde vielleicht noch kommen.
"Tut mir leid, damit kann ich ihnen nicht dienen. Meine Geschichten sind es wohl kaum wert, sie zu erzählen. Vielleicht haben Sie mit dem nächsten Reisenden mehr Glück. Ich muss jetzt aufbrechen." Er verabschiedete sich und ging. Ging wieder auf den viel zu sauberen Asphalt, von dem die Füße so schmerzten. Ging, seltsamerweise mit mehr Hoffnung als er gekommen war. Ging in die schwarze Nacht hinein, an deren Horizont es schon wieder etwas heller wurde.
Was ein belangloses Gespräch nicht alles bewirken kann!

  

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