![]() PerformerAntonio F. Lopes |
Markus Kohn |
Harald Schneider PaperDiese Dokumentation steht auch als vollständiges Paper zur Verfügung. Inhaltsverzeichnis
Inspiration
Intension
Grundkonzept von "Schokk Value"
Ökosystem-Design
Publikum Das Publikum (in der Grafik als Ohr gekennzeichnet) soll und muss sich in der Mitte des Ökosystems befinden. Hierbei liegt die Intention, dass einerseits die klangliche und andererseits die dramaturgische Immersion verstärkt werden soll. Das Publikum soll jedoch eine passive Rolle einnehmen; symbolisch zur Hilflosigeit und Ohnmacht von Gewalt-Opfern. Gleichzeitig soll die passive Haltung als Indiz unserer Passivität gegenüber in Medien dargestellter Gewalt gelten und dadurch auch Raum schaffen, um darüber Reflektieren und sich nicht durch anderweitige Aktivitäten ablenken zu können. Diskussion zur Weiterentwicklung des KonzeptsEin Gedanke wie man das Konzept erweitern könnte, weil es bis dato doch zu plump und direkt zu sein scheint, wurde letzte Woche diskutiert: Der oben aufgeführte Aspekt (betreffend Schock und Schmerz in der Dritten Welt) kann/soll um einige Perspektiven erweitert werden. Räumlich sind Entwicklungsländer und Industriestaaten voneinander getrennt. Über die täglichen Nachrichten erreichen uns Bilder über Mißstände, Gräueltaten, Naturkatastrophen aus der ganzen Welt. Unter diesen Bildern gibt es diejenigen die realen Geschehen entsprechen, aber auch solche die bewusst von den Medien inszeniert wurden um in der „westlichen Welt“ Angst, oder Schockzustände zu provozieren (Agenda-Surfing /Agenda-Setting). Diese Angst soll das Bedürfnis nach Information steigern (stärkere Mediennutzung). Andererseits soll der Konsum angeregt werde, weil Güter die vermeintlich Sicherheit versprechen/generieren oder repräsentieren stärker nachgefragt werden. Das Spiel mit Schock und Angst ist ein uraltes und in der Tat werden Angst und Schock auch im hohen Maße nachgefragt. Je höher der Schock-Wert einer Bild-Zeitung-Schlagzeile, desto besser verkauft sich die Ausgabe. Doch welche Schockereignisse sind inszeniert und welche entsprechen der Realität? Wie werden Informationen von der „breiten Masse“ wahrgenommen und verarbeitet und wann findet eine Abstumpfung der Sinneswahrnehmung statt? Sind wir noch in der Lage „Schock-Nachrichten“ richtig zu interpretieren und in den richtigen Kontext einzuordnen? Heutzutage funktionieren diese Reize meist über visuelle Kanläle (mit auditiver Unterstützung). Doch wie werden rein auditive Schock-Reize wahrgenommen, verarbeitet, eingeordnet und wieviel Angst erzeugen sie (noch)? Vorschläge und Fragen die dazu diskutiert werden müssen:Weil Schockreize sowohl zufällig als auch initiiert sein können müssen Impulse sowohl aus dem auditiven Ökosystem entstehen als auch von einem Akteur/den Akteuren an den Rechnern initiiert werden können. Schockimpulse können sowohl Töne , als auch auditive Nachrichten sein. „Schock-Meldungen“. Eine Auswahl müsste man noch erstellen. Vielleicht nach einem bestimmten Muster aussuchen. Diese könnten dann eingespielt und zusätzlich verfälscht werden. Töne werden über MAX-Patches generiert. Eine weitere Möglichkeit wäre, neben Schock-Meldungen auch noch Werbejingles oder Werbeansprachen/-spots mit einblendet. Als Ökosystem Grund-Pattern könnte man den „Mutter-Beat“ ins Spiel bringen. Der Puls könnte dann auf Schockreize reagieren. Weil Schockreize einerseits nachgefragt werden, könnte man eine gewisse Grundanspannung als Vorraussetzung (Grundreize) als Basis dafür nehmen, dass der Mutter-Beat weiterexisitert, weil er sonst irgendwann verstummt. Wenn Schockreize auch zu einem zu starken Schmerz/Angst führen kann, ist ein Überfluss an Reizen, ein Overflow, auch das Ende für den „Mutter-Beat“. Er pulsiert dann so schnell, bis er verendet. Damit wäre der Ausgang der Improvisation auch offen gehalten. Sowohl eine „Entrückung“ als auch ein System-Overkill wären möglich und würde durch die Performer gesteuert werden. Die Frage ist in weit der bisherige Aufbau dann noch in diese Konzepterweiterung passt, bzw. wie man was modifizieren muss? Der PatchDer in Max/MSP entwickelte Patch besitzt drei Haupt-Sektionen: Schokk Value, Voice und Samples mit denen es möglich ist, Echtzeit-Stimmaufnahmen zu steuern und mit vorgefertigten Audio-Samples zu kombinieren. ![]() |1| Schokk Value Das rot eingekästelte Feld gibt den Schokk Value nach einer zufällig bestimmten Zeit wieder. Nachdem die gewünschte Audio- datei geöffnet worden ist (open), wird mit dem Betätigen des großen Bang-Buttons die zufällige Zeit bestimmt, die darunter auch angezeigt wird. Erst nachdem diese Zeit abgelaufen ist, beginnt die Wiedergabe der Datei. Die rote LED-Leuchte rechts davon dient der Orientierung, dass, ein Schokk Value ertönt wurde und sollte nach Ende des Schokk Values wieder manuell ausgeschaltet werden. Das Feld mit der Null (Schokk Stop) stoppt gegebenenfalls die Wiedergabe der Audiodatei. |2| Voice Diese Sektion ist unterteilt in drei Partitionen: Main Input, der Recording-Section und der Gesamtkontrolle. Der Main Input regelt den Eingangspegel, also die Empfindlichkeit des Mikrofons. Die Recording-Sektion enthält vier Kanäle, die identisch aufgebaut sind und der simultanen Echtzeit-Aufnahme bis zu vier „Stimmloops“ dient. Wird der Button clear betätigt, wird der Puffer mit der aktuellen Aufnahme gelöscht, sodass etwas komplett Neues aufgenommen werden kann. Jedoch ist es auch möglich, den bereits bespielten Puffer mit einer weiteren Aufnahme zu ergänzen, ohne ihn vorher gelöscht zu haben. Sodann erklingen die existierende mit der neuen Aufnahme zeitgleich. Der Feedback-Regler mit dem Wertebereich zwischen 0 und 1 gibt an, ob und wie schnell die Aufnahme ausklingen soll (0.n) oder permanent geloopt wird (1). TapeIn und TapeOut steuern die Puffergröße. Wie in der Abbildung zu sehen ist, besitzt TapeIn den Wert 1000 (ms), d.h. der Puffer besitzt eine Gesamt- (Loop-) Länge von einer Sekunde. Möchte man nun einen Speed-Wert eingeben, muss folgendes beachtet werden: die Werte > TapeIn bewirken keinerlei Veränderung. Die Werte < TapeIn bewirken, dass sich der Endbereich des Loops immer näher an den Startbereich rückt, sodass die Aufnahme nicht schneller abgespielt wird, sondern nach hinten hin immer kürzer wird. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die Veränderungen nicht rückgängig gemacht werden können, wenn der Speed-Wert wieder höher gesetzt wird. |3| Samples In dieser Sektion des Patches arbeitet man mit Soundfiles. Der Bereich ist ausgestattet mit einem Frequency-Shifter (braune Regler), die man wahlweise entweder synchron, also L+R (rotes LED in der Mitte an), bewegen kann, oder einzeln (LED aus). Der Frequency-Shifter verändert nicht die Tonhöhe oder die Geschwindigkeit des Samples, sondern manipuliert die harmonischen Öbertöne, sodass immer eine Obertonfrequenz deutlicher heraussteht im Gegensatz zu den anderen. Der blau eingefärbte Fader rechts davon ist der Volume des Samples. Darunter befindet sich ein horizontaler Pitch-Regler, mit dem man die Samples praktisch wie ein analoges Band vor (Normal) und zurück (- Normal) bewegen kann. Dieser Bereich ist zusätzlich mit den unteren vier kleinen Kästchen verbunden, sodass man auch genaue Zahlenwerte Das Performance-KonzeptDie Performance wurde zeitlich auf ca. 20 -30 Minuten Dauer angelegt und birgt sowohl für die Darbieter als auch für das Publikum eine ganz spezifische Rollenverteilung. Neben der bereits erläuterten Instanziierung von Schmerz, Hoffnung und Angst, wird das Publikum in eine ganz bestimmte Rolle versetzt: in die der Opfer, die von Anfang bis zum Ende der Performance konsequent durchgehalten werden soll. |1| Aufbau im MediaSynthesis-Labor Der Aufbau erfolgt wie oben bereits beschrieben. Hinzu kommen noch mit schwarzem Molton abgehängte Trennwände, die den Gesamtraum der Darbietung sowohl räumlich, visuell als auch klanglich eingrenzen und verdichten. Die Beschallung erfolgt mittels sechs ringförmig angeordneten Adam-Lautsprechern, die in einer Höhe von ca. 3 Meter platziert sind. Der Subwoofer strahlt jedoch direkt in den komprimierten Raum ab. Die Performance erfolgt in nahezu vollständiger Dunkelheit. Lediglich Schmerz, Angst und Hoffnung werden mit drei Scheinwerfern von der Decke aus ganz leicht beleuchtet. |2| Kostüme und Verhalten Die Darbieter haben keine Verkleidung, was die Symbolik hat, dass die Ereignisse der Performance etwas vollkommen normales, alltägliches sein sollen. Es soll damit ausgedrückt werden, dass eben Gewalt, Tod und Unterdrückung für die Opfer sowohl etwas Alltägliches als auch Unberechenbares sind, genauso wie die „Verkleidungen“ der Verursacher allmählich zum Alltagsbild der Opfer wird und man von der Verkleidung nicht mehr unmittelbar auf Gewalttaten schließen kann. Hinzu kommt die abgewandte Haltung der Darbieter. Sie sitzen mit dem Rücken zum Publikum, sodass keinerlei Blickkontakt existiert. Lediglich Hoffnung besitzt einen „Rückspiegel“ um es im Auge zu behalten. Diese Rückenhaltung trägt zwei Bedeutungen. Zum einen bringt es zum Ausdruck, dass ein emotionaler Abstand zwischen Täter und Opfer besteht, der gleichzeitig zum moralischen „Tat-Abstand“ wird. Zum anderen erzeugt es auch eine laborartige Atmosphäre. Die Opfer werden zu Versuchskaninchen einer höheren Macht, die sie nicht mittelbar beeinflussen können. Naomi Klein beschreibt diese Haltung im Südamerika der 1960er Jahre, als die damaligen Demokratien gewaltsam gestürzt und durch amerikanisch forcierte Diktaturen ersetzt wurden. Sie schreibt, es wäre ein Versuchslabor der Chicagoer Schule gewesen, mit dem sie die Möglichkeit generiert hatten, die ökonomischen Theorien Milton Friedmans in die Praxis umzusetzen, ohne sich selbst dabei zu schaden. |3| Einstimmung des Publikums Das potentielle Publikum soll schon vor Betreten des MediaSynthesis-Labors mit der Thematik der Aufführung vertraut gemacht werden. Zu diesem Zweck wurde ein zweiminütiges Introvideo zusammengestellt, das ca. eine Stunde vor Performancebeginn an der Eingangstür des Labors im Loop gezeigt wird. Dieses Video besteht im Kern aus einem zusammenfassenden Ausschnitt aus Naomi Kleins und Alfonso Cuaróns (Children of Men) englisch-sprachigen Kurzfilm mit dem gleichnamigen Titel „The Schock Doctrine“ und bringt die Kernthematik des Buches auf den Punkt. |4| Der erste Schritt Zu Beginn versammelt sich das Publikum vor der Eingangstür des Labors. Die Darbieter stehen leidenschaftslos am Eingang und beobachten still die Situation. Wenn der entsprechende Zeitpunkt erreicht ist, verwandeln sich die stillen Beobachter in laut schreiende Drill-Offiziere, die bellend dem Publikum befehlen, das dunkle Labor in einer Reihe zu betreten. |5| Während der Performance Die schwere schalldichte Türe des MediaSynthesis-Labors wird geschlossen und demonstrativ zugesperrt. Letztendlich wird dadurch das Publikum der Perfor-mance „hilflos ausgeliefert“. Die Performance beginnt anschließend mit einem Pulsschlag, der mit dem Mikrofon erzeugt wird. Währenddessen wird die erste Hälfte des Bibelferses aus Genesis 6, 11-13 angespielt. Daraufhin beginnt erst die eigentliche Improvisation. Die Koordinierung der Darbieter innerhalb der Performance erfolgt anschließend über die nachfolgenden akustischen Signale bzw. Ereignisse, die im Vorfeld teilweise vorbestimmt und ausgesucht wurden. Neben der Menge an Sounds für Angst und Schmerz, wird zudem ein Sound-File als Schokk Value definiert, bei dem die Darbieter erkennen, dass als Reaktion ein Stadiumsswechsel erfolgen muss. Ansonsten muss während der Performance jeder eigenständig abwägen ob eher ein Schmerz- oder ein Angst-Sound in den jeweiligen Zustand reinpasst. |6| Ende der Performance Die Performance ebbt nach und nach ab und wird von der Klangkulisse immer ruhiger. Im richtigen Augenblick beginnt erneut der Pulsschlag, der bereits Anfangs die Improvisation eingeleitet hat. Als abschließendes Element, wird die zweite Hälfte des Bibelferses gespielt und die Performance ist damit am Ende angelangt. Impressionen der Aufführung|1| Video Bitte auf den Link klicken --> Schokk Value auf Vimeo.com |2| Bilder
Reflexionen der PerformerMarkus Kohn reflektiert... |1| Eindrücke zum Konzept Die Schock Strategie, die Naomi Klein in ihrem Buch beschreibt, hat damit zu tun, dass Menschen durch Angst und Schmerz in Schock Zustände geführt werden. Dies kann sowohl durch Naturkatastrophen, als auch durch Kriege verursacht werden. Die Schock Strategie beruht darauf, dass diese Situation von der radikalen freien Marktwirtschaft ausgenutzt wird, in dem die Menschen durch gezielte weitere Schocks handlungs- und bewusstseinsunfähig gemacht werden um dadurch ihre Ziele auf brutalste Weise durchzusetzten. Unsere Absicht war es nicht, wie man vermuten könnte, die Rezipienten der Improvisation „handlungsunfähig“ zu machen oder in authentische Schock-Zustände zu bringen. Durch das auditive Ökosystem sollten die Teilnehmer in erster Linie zum Nachdenken über die Thematik angeregt werden. Die unterschiedlichen Sounds sollten deshalb klanglich qualitativ hochwertig sein, sich aber trotzdem von einander abheben. Während manche Sounds so gewählt waren, dass sie weniger Interpretationsspielraum ließen, wurden wiederum andere für eine ziemlich freie Interpretation gewählt. Das gab der Improvisation einerseits eine gewisse Vielfalt, aber andererseits, wie beispielsweise durch das Einspielen von Zitaten, die Möglichkeit das Publikum in der Auseinandersetzung mit dem Thema zu steuern. |2| Erwartungen vor der Improvisation Während der Improvisation werden die Rezipienten mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Angst oder Schmerz empfinden. Am ehesten werden manche Scratch-Geräusche ein Ekelempfinden auslösen. Die Reaktion des Publikums nach der Aufführung wird wohl eher geteilt sein. Ich vermute, dass die Performance sehr unterschiedlich wahrgenommen wird, weil die Sounds bei den Rezipienten unterschiedliche Bilder im Kopf erzeugen werden. Ein gewisser Immersionsgrad wird wohl durch das auditive Ökosystem erreicht werden können, obwohl sich die Teilnehmer natürlich ständig bewusst sein werden, dass sie sich im MediaLab in einer Aufführung befinden. |3| Eindrücke zum Aufbau.. Das Setting für die Improvisation war, wie bereits vorher geplant, ein Dreieck. Wir als Performer haben uns von den Rezipienten abgewandt und in Richtung der Wand geblickt. Eine Interaktion mit dem Publikum fand somit nicht statt. Vielmehr stand die Interaktion zwischen den drei Performern im Vordergrund, die durch reines Hören gegenseitige aufeinander eingingen. Hierbei war für mich das besonders Spannende, dass eine gemeinsame Situation/Emotion geschaffen werden konnte oder aber bewusst versucht wurde die momentane Situation aufzubrechen, bspw. durch gezieltes Gegenwirken mit konträren Sounds oder durch impulsartige Sounds wie einem „Schokk Value“ (Schock-Sound). |4| Eindrücke vor der Improvisation Nachdem das Setting aufgebaut war und die letzten Einstellungen und Soundchecks vorgenommen waren dunkelten wir den Raum ab und stellten uns vor die geschlossene Türe des MediaLabs. Demonstrativ verschränkten wir wie Aufseher (Drill-Instructors) die Arme. Alle Teilnehmer mussten zunächst vor der geschlossenen Türe warten, dies sollte dazu dienen einen gewisse Grundspannung aufzubauen. Um anschließend Zutritt zum abgedunkelten Raum (MediaLab) zu erhalten sollten sich die Zuschauer zunächst in einer Reihe formieren. Das ganze sollte in einem strengen, lauten Befehlston an die Rezipienten vermittelt werden. Die Menge reagierte zunächst mit Verwunderung auf unser lautes Gebrüll und Einige schauten sich gegenseitig ungläubig an und lachten dabei. Mit dieser Reaktion war zu rechnen. Ungewöhnlicherweise haben sich trotzdem alle Teilnehmer nach einer kurzen Zeit in einer Reihen formiert und wurden hernach in den Raum gelassen. Als alle den Raum betreten hatten wurde die schwere Türe des Labs mit einem lauten Knall geschlossen. Im Raum wurde nochmals lautstark um Ruhe gebeten. Dann erklärte Herr Lopes kurz und bündig die Intension der Darbietung und wies darauf hin während der Vorstellung keinesfalls den Raum zu verlassen. Ich denke es ist uns ziemlich gut gelungen im Vorhinein eine gewisse Grundspannung und Neugierde beim Publikum zu generieren, ohne dabei eine zu hohe Erwartungshaltung zu erzeugen. |5| Eindrücke zur Improvisation Der zeitliche Rahmen wurde von vorn herein auf ca. 20 Minuten begrenzt. Ich denke die Länge war angemessen. Der Patch funktionierte während der Performance einwandfrei und auch die Improvisation als ganzes funktionierte so, wie ich/wir uns das vorstellten. Während der Performance konnte ich die Reaktionen des Publikums kaum mitverfolgen, weil eine viel zu hohe Konzentration erforderlich war. Ich war überrascht, dass nach der Improvisation der Großteil des Feedback positiv ausfiel. Uneinigkeit bestand bei den Teilnehmern über den Einsatz der gesprochenen Textzitate aus der Bibel. Die Sprache schien dem einen Teil der Rezipienten einen kon-textuellen Bezugsrahmen zu geben, andererseits wurden sie von manchen als lästig und störend empfunden und hatten eine „immersionsabschwächende Wirkung.“ |6| Resümee Während der Performance wurde die Türe des Labs leider immer wieder durch hereinkommende und herausgehende Zuhörer geöffnet. Das war nicht so geplant und störte die Performance in erheblichem Maße (Zerstörung der Immersion, durch aufbrechen des Raums und Störgeräusche). Die Türe zu zuschliessen hätte hier Abhilfe geschaffen und beim Publikum wahr-scheinlich auch noch für mehr Einschüchterung und Spannung gesorgt. Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, den Rezipienten vor Beginn der Improvisation Augenbinden anzulegen, sie in den Raum zu führen und auf den Boden zu setzen. Dies hätte ein translozierende Wirkung gehabt und dadurch, dass sich die Teilnehmer nur anhand ihrer Ohren räumlich orientieren könnten eine wahrscheinlich noch immersivere Wirkung erzielt. Eine weitere Möglichkeit Irritation beim Publikum auszulösen hätten wir hervorrufen können, indem wir völlig unvermittelt von unseren Plätzen aufgesprungen wären und die Teilnehmer in einem befehlenden Tonfall angebrüllt hätten. Dies hätte aber wiederum das Dreieck (Schmerz, Hoffnung, Angst) aufgelöst, was zu einem Bruch im Gesamtkonzept geführt hätte. Im Großen und Ganzen fand ich die Performance gelungen. Das Publikum wurde durch eine ernsthaft Darbietung dazu angeregt sich in einer subjektiv moralischen Auseinandersetzung mit der Thematik zu beschäftigen. Das Improvisieren und das Zusammenwirken mit den anderen Performern (Herr Lopes und Herr Schneider) hat sehr viel Spass gemacht. --- Antonio Lopes reflektiert... Die Performance Schokk Value war von der ersten Sekunde an eine ständige Abwägung zwischen Aufwand und tatsächlichem Nutzen. Sowohl technisch als auch performativ wurden Konzeptelemente permanent neu erdacht, dann wieder verworfen und letztendlich doch in ein optimiertes Verhältnis gebracht. Uns ging es nie darum, dem Publikum mit Schokk Value in irgendeiner Form zu gefallen. Das Konzept war von Anfang an mit denselben Absichten versehen wie es auch bei Kleins Buch der Fall ist: aufklären, anregen, aufregen. Da diese Performance in erster Linie im Licht der künstlerischen Forschung steht - und wie auch schon Joseph Beuys anmerkte, dass Kunst provo-zieren muss - setzten wir gezielt auf die Provokation statt auf die Attraktion. In diesem Zusammenhang haben wir so-wohl in der Konzeptionsphase, wie auch bei der Auswahl der Sounds und Samples, sicherlich für den einen oder anderen contra Publikumserwartungen oder -bedürfnissen agiert – jedoch immer in voller Absicht und entgegen jedem Einwand. Was war positiv/negativ? Zuallererst war die Reaktion des Publikums vor der Aufführung positiv. Insbesondere die lautstarke Drill-Phase wurde als Teil der Performance ernst genommen. Die Publikumsreaktion auf die Performance missfiel mir jedoch ein wenig. Entgegen den Erwartungen wurde Schokk Value überwiegend als „angenehm“ oder „unterhaltsam“ empfunden. Das mag einerseits daran liegen, dass die Performance in einem sicheren und vertrauten Umfeld stattgefunden hat, und andererseits dass die Sounds nicht wirklich unangenehme Zustände oder Schmerzen verursacht haben - aus moralischen und menschenrechtlichen Gründen auch eher fragwürdig ob sie das wirklich sollten. Ein äußerst negativer Aspekt war die Zugänglichkeit zum Labor. Während der Performance öffnete sich permanent die Türe, was die immersive Wirkung der Aufführung in hohem Maße belastete oder teilweise sogar ganz zerstörte. Am geeignetsten wäre gewesen, die Türe schlichtweg zuzuschließen. Alles in allem wurde aus Gruppensicht ein relativ ausgewogenes Verhältnis zwischen Aufwand, Machbarkeit, Zeit und Wirkung erzielt. Sicherlich wäre uns mit mehr Zeit und mehr Aufwand ein größeres und wirkungsvolleres Konzept gelungen, jedoch haben wir, wie bereits erwähnt, auf Provokation gesetzt und nicht auf Attrak-tion - und um zu provozieren reicht schon ein winziger Stein aus, um eine Lawine ins Rollen zu bringt. Würde/n ich/wir die Performance wieder genauso aufführen? Grundsätzlich ja, allerdings mit ein paar Verbesserungen. Zum einen würde ich als Soldaten kostümierte Statisten einsetzen, die die Drill-Phase übernehmen und zu Beginn der Performance dem Publikum die Augen verbinden. Das Augenverbinden wurde von uns auch überlegt, jedoch aus Zeit-, Aufwands- und Hygienegründen wieder verworfen. Zum anderen würde ich ein zur Thematik adäquateres Umfeld wählen, wie bspw. eine Militärkaserne, oder ein altes verlassenes Gebäude. Alleine die Gewissheit in einer Hochschule zu sein, verhindert jeglichen fiktiven „Thrill“. Auch diese Überlegung wurde aus Aufwandsgründen aufgegeben. Fazit Insgesamt verlief Schokk Value zumindest technisch einwandfrei. Was die Performance angeht, wurde uns nach der ersten Probe bewusst, dass eine saubere Trennung der Instanzen Schmerz, Angst und Hoffnung mit den gewählten Mitteln und Möglich-keiten kaum zu bewerkstelligen ist. Dennoch haben wir es nicht bei einer rein theoretischen On-Paper-Trennung belassen, sondern versucht, mit hochwertigen Auf-nahmen und Soundfiles eine maximal hör- und erlebbare Stadiums-Abgrenzung zu erreichen. Alles in allem hat mir bzw. uns das Projekt von der Konzipierung bis hin zur Dokumentation sehr viel Spaß gemacht und ich kann nur sagen: ich würde es auf jeden Fall wieder aufführen! --- Harald Schneider reflektiert... Die Idee der improvisatorischen Performance Schokk Value basiert auf dem Buch von Naomi Klein „Die Schock Strategie“. Es wird davon ausgegangen dass durch Einwirkungen der Umwelt auf Menschen, in Form katastrophaler Situationen in denen keine Normen und Regeln herrschen, das Handeln der Menschen beeinflusst beziehungsweise geleitet werden kann. Das Ergebnis ist eine Welt die von Schmerz, Angst aber auch Hoffnung geprägt ist. Die Intention unserer Performance war es daher nie unseren Besuchern eine gemütliche angenehme Atmosphäre zu bieten, sondern die Gefühlswelt von Schmerz, Angst und Hoffnung auf eben diesen 3 Säulen aufzubauen und den Besucher damit sozusagen zu quälen. Sicher nicht physisch, aber durch stetigen Wechsel des primär präsenten Gefühls, und zwar allein durch Geräusche. Beobachter wird beobachtet Es gab eine „Generalprobe“ in der das Konzept mit den Professoren und den Teilnehmern der Veranstaltung Immersive Medien bei Herrn Fetzner und Herrn Friedmann getestet wurde. Zu dem Zeitpunkt waren noch andere Geräusche im Einsatz und es zeigte sich, dass die verwendeten Geräusche ungewohnter und schmerzhafter sein müssen. Jedoch vor allem zu dem Aufbau hatte ich wichtige Erkenntnisse. In der „Generalprobe“ konnten sich die Besucher frei im Raum bewegen und waren nicht auf den Raum zwischen den Performern beschränkt. Es stellten sich somit einige Besucher hinter die Performer und beobachteten was diese taten. Ich fühlte mich davon sehr gestört und konnte mich nicht mehr auf die eigentliche Improvisation konzentrieren, sondern wartete nur noch darauf, dass sich die Besucher wieder weg bewegten. Dieses Setting änderten wir für die finale Aufführung bewusst und drehten uns als Performer mit dem Gesicht zur Wand. Somit war jeder Besucher ein potentieller Beobachter sodass man nicht mehr wissen konnte wer gerade beobachtet und wer nicht, was der Improvisation sehr zugute kam, da man sich voll und völlig unbefangen auf die Performance konzentrieren konnte. Eindrücke der Improvisation Ich empfand die Improvisation was die Abstimmung zwischen den Performern betrifft, trotz fehlendem Augenkontakt als sehr gelungen. Wir konnten eine Spannung und die Atmosphäre mit den gewählten Sounds sehr gut aufbauen, doch empfand ich, dass die Sounds für Angst und Schmerz noch schmerzhafter und angsteinflößender sein müssten. Als gesamte Performance betrachtet empfand ich diese dennoch hervorragend. Einige Verbesserungsvorschläge habe ich dennoch… Verbesserungsvorschläge Es wurde bei der an die Performance anschließende Kritikrunde berechtigterweise Kritik daran geübt, dass der Besucher bei der Performance einen gewohnten Raum betritt in dem im allgemeinen nicht damit gerechnet wird, dass das persönliche Leben bedroht ist und somit auch keine Angst vom Publikum empfunden werden kann. Diese innere Sicherheit des Besuchers sollte, wie ebenfalls in der Kritikrunde angedacht, mittels Dislokation und der Blockade des visuellen Sinnes etwas aufgeweicht werden. Weiterhin glaube ich dass sich der Besucher bedrohter fühlen würde, wenn die Performer nicht nur auditiv sondern auch physisch, beispielsweise durch schnelles unvermitteltes Aufstehen und kurzes lautes Anschreihen der Besucher, improvisieren. Dies könnte vor allem in Kombination mit der Dislokation und der Blockade des visuellen Reizes sehr effektiv sein. |
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